Ich geh‘ jetzt duschen, Leute!

Als Kind kannte ich alle Nachbarn, mit denen ich in der Platte unter einem Dach wohnte. Ich meine, ich kannte sie nicht so richtig und nur vom Sehen und wusste beispielsweise nicht, ob sie unterm Bett Pornos, eine Bettpfanne oder die tote Großmutter liegen hatten oder so. Unsere direkte Nachbarin hatte Vögel, viele, viele Vögel. Wellensittiche. Grüne und blaue und gemischte. Dafür hatte sie keinen Mann. Sie hieß Frau Rüsch. Auf ihren Schultern war immer ein bisschen Vogelscheiße, egal was sie anhatte. Unter uns wohnte einer von der Polizei. Wir hatten ihn in Verdacht, dass er von uns ein paar Gläser eingewecktes Kompott aus dem Keller geklaut hat, für Geruchsproben. Über uns, und über dem über uns, wohnten zwei Mitarbeiter von der Stasi. Dass der, der über dem der über uns wohnte auch von der Stasi war, erfuhren wir erst 1992, als wir Einsicht in unsere Akten nahmen und Vater meinte: „Ich habe es doch gesagt, dieser Hund.“ Freunde hatten wir auch im Haus, von denen hat sich Mutter manchmal was aus der Kaufhalle mitbringen lassen, wenn sie keine Zeit hatte und fürs Wochenende Marmorkuchen backen wollte. In unserer grauen Platte war immer ein buntes Treiben und manchmal frage ich mich, ob es heute und da wo ich jetzt wohne, überhaupt einer merken würde, wenn der Nachbar auszieht, im Wohnzimmer wegstirbt oder in der Wanne ausrutscht und sich das Genick bricht oder sich versehentlich mit dem Duschvorhang stranguliert. Da beschwert man sich höchstens über das Wasser, das stundenlang plätschert. Das ist schon komisch, dass man prüfend und unsicher angeschaut wird, bloß weil man fremden Leuten im Treppenhaus freundlich Guten Tag sagt.

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