…als noch alles anders war

Sie fallen einem  das ganze Jahr über auf, im Sommer natürlich weniger. Manchmal hat man Mitleid, oft ist man genervt, wenn sie einen zum x-ten Mal anbetteln, aber meistens schaut man weg. Und während man mit seinen Tüten, voll mit Weihnachtsgeschenken, an ihnen vorbeihuscht, schaut man lieber einmal mehr nach oben oder zur Seite oder schließt die Augen, genau im richtigen Moment. Denn man will das nicht sehen und nicht wissen und sowieso: Was soll man denn allein auch tun? Man wird ja schlecht einfach nur nachhause gehen und ihnen eine warme Decke holen können. Manche wärmen sich in der Berliner Sparkasse. Dem Filialleiter passt das nicht. Der Gestank am nächsten Morgen zieht bis zu seinem Schreibtisch. Einige sitzen unter Laternen und betäuben sich mit billigem Fusel, ein anderer läuft zehnmal mit Passanten durch eine Drehtür und erinnert sich dabei einen kurzen Moment an seine Kindheit. Wie war das, damals, als noch alles anders war?, überlegt er, während er sich an fremde Rücken lehnt, um sich kurz berührt zu fühlen und hat die Frage bereits in der nächsten Runde wieder vergessen, weil er glaubt, dass sich die Antwort darauf sowieso nicht lohnt.

 

 

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