Zukunft hinhalten

Hach, manchmal möchte ich ganz tief seufzen und dann tue ich es nicht, weil ich befürchte, dass ich, einmal damit angefangen, nicht mehr aufhören könnte. Ich stelle mir dann vor, wie ich einen ganzen Tag lang nur seufze. Ich seufze, wenn ich zum Telefon greife und T. mir von ihren Problemen erzählt, hach ja, hörte ich mich durch den Hörer raunen, das wird schon wieder, Kopf hoch oder wie Nina Ruge sagt: Alles wird gut! Ich würde auf dem Weg zur Bank seufzen, und wenn ich an den kleinen Mann hinter dem Schalter denke, den ich kenne und sonst niemand. Ich würde beim Blick auf meine Kontoauszüge aus tiefstem Inneren seufzen, wenn ich mich an den Punkern im Vorraum vorbeischlängele, beim Anblick der Schlangen vor den Kassen von H&M, abends fünf vor neun, und mich fragen: Warum machen die das, wozu brauchen die das? Ich würde seufzen, wenn ich in meinen Kalender, auf meine Termine, und in den Spiegel schaue. Der Blick auf meine Hände löste ein tiefes Seufzen in mir aus und der Seufzer beim Gang zu Herrn Bandits Grab wäre so tief, dass er ausreichen würde, um ein neues auszuheben. Ich müsste seufzen, wenn ich zu lange in ein fröhliches Kindergesicht schaue, ein roter Apfel macht einen einzigen seufzenden Seufzer aus mir, ich würde seufzen, weil es so früh dunkel- und so spät hell wird, weil sich Leute vorne angrinsen und hintenrum bescheißen, ich würde seufzen, wenn es gar nichts zu seufzen gibt oder wenn ich eigentlich gähnen muss, wenn mein Auto nicht anspringt, ich die Bahn verpasse, die Milch leer ist oder der Kaffee, bei hunderttausend nichts ausgesprochenen Nichtigkeiten und Märchen im rbb, wenn ich Frau Bandit im Hof mit dem Mülltonnendeckel kämpfen sehe, mir das Licht eines Schwippbogens den Schlaf raubt, ich deinen Hals im Halbdunkel betrachte, dir zuschaue, wenn du schläfst, wenn ich zu lange allein bin, mir keine Lieder einfallen, ich die Melodie nicht erkenne, uns verleugne, die Zukunft hinhalte. Hach, manchmal möchte ich ganz tief seufzen und dann tue ich es nicht, weil ich befürchte, dass ich, einmal damit angefangen, nicht mehr aufhören könnte.

 

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