Die Sache mit der Schreiberei

Schon als ich noch klein war, wollte ich Schriftsteller werden. Ich stellte mir vor, auf Omas Veranda zu sitzen, mit einem Glas Tee neben ihrer Schreibmaschine und Blick auf den Peitzer Badesee. Ich träumte davon, wie ich beim Schreiben die badenden Kinder beobachte oder Eichhörnchen in den Bäumen, Vögel beim Nestbau oder die Ameisen, wie sie meinen Appelgriebsch erst wie eine Festung erobern und dann forttragen, raus, in den Wald. Im Hintergrund würde Omas Windspiel mit meinen tippenden Fingern im Takt tanzen. Ich wusste immer schon, dass ich beim Schreiben das Essen und Trinken und die Sorgen des Alttags vergessen kann, auch wenn der Tee mit dem passenden Alter gegen einen trockenen Franzosen eingetauscht wurde und sich die Sache mit dem Vergessen der Alltagssorgen mit den Jahren als schwierig erwies.

Es kam die Zeit der Zweifel, und die Schreibmaschine wich dem Computer und mit ihm kamen E-mail und Internet und der ganze Kram, über dem ich das Schreiben nicht vergaß, und ja, vielleicht war es nur ein anderes Schreiben, aber gewiss ein schlechteres. Es wurden Zeilen in die Welt gerotzt und hinterher bereut, schnell schrieb man Unfug, teilte sich mit, ohne auch nur das Geringste zu sagen und schwamm in einer riesigen Worthülse, die am Ende eines Tages mit einer Nadel aufgestochen werden muss, weil sie sonst platzt und jeden, noch verschonten Winkel mit ihren Nichtigkeiten fluten würde. Es war die Zeit der Vergleiche, des Jammerns auf hohem Niveau, die Zeit, in der ich dachte: „Verfickte Scheiße, ich lass es sein!“. Ich schaute zu und schrieb ab, ich schrieb neu und beließ nichts beim Alten, ich lernte und gab den Büchern, die ich las, die Namen meiner Lehrer, ich imitierte, löschte und fing wieder von vorn an. Und plötzlich, es war genau Viertel nach Vier, dachte ich, ich bin ein guter Schriftsteller und war gar keiner! Das Bild vom Kind mit der Schreibmaschine und dem Windspiel auf Omas Veranda zerbrach in tausend Buchstaben.

Droht nicht jeder Schriftsteller, unabhängig davon, ob man ihn für gut, schlecht, missverstanden oder vollkommen überbewertet hält, nicht mindestens einmal am Tag in seiner eigenen Larmoyanz oder Skepsis abzusaufen? Und ist es nicht sogar die Pflicht des Autors, alles, was er schreibt, zu hinterfragen? Oder ist es vielleicht das ständige Prüfen, das ihn hemmt und daran hindert, seinen Text und die Zügel loszulassen? Haben gute Schriftsteller auch eine gute Strategie?, frage ich mich und denke darüber nach, dass die beste Strategie vielleicht die ist, keine zu haben. Man lebt einfach in den Tag hinein, beobachtet das Leben um sich herum, setzt sich in die Kneipe, schaut aus dem Fenster und sieht den Leuten dabei zu, wie sie sich bemühen, pünktlich dorthin zu kommen, wo sie meistens schnell wieder fort wollen, beim Einsteigen in die Straßenbahnen, wie sie in Zeitungen blättern, Bücher lesen, sich gelangweilt an der Schläfe kratzen oder sich beim Kellner über die Wasserflecken am Besteck beschweren. Dann geht man nachhause und macht nichts anderes, als sich hinzulegen und einzuschlafen, um mitten in der Nacht aufzuwachen, weil es in den Fingern juckt und man das Erlebte zu einem großen Kuchen verrühren und aufschreiben muss.

Man schreibt die ganze Nacht durch, und die Nacht danach, und wenn am Ende eines Textes der Kopf zu platzen droht, weil man zu viele Endorphine ausgeschüttet hat, kommt der Kritiker und zerreißt einen in der Luft, nennt die eigene Schreiberei die eines Dünnbrettbohrers und lacht einen so lange aus, bis sein Gesicht im beschlagenen Badspiegel verschwindet. Und wenn man dann den Kopf unter die Dusche gehalten und den Kritiker wieder frei gewischt hat, weiß man, dass man  zu viele Zweifel inhaliert- und  nachgedacht hat, was gut ist und was nicht, und was die anderen sagen, und was man selbst sagen würde, obwohl man das im Grunde eigentlich weiß.

Die Sache mit der Schreiberei (Verena Maria Dittrich)

Die Sache mit der Schreiberei (Verena Maria Dittrich)

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