Einundachtzig Honigstullen

Jeder hat einen Großvater, manche hatten einen. Der Großvater ist meist gebrechlich und hat graues Haar und jeder dritte Großvater hat Zucker oder mit den Augen und mit dem Kreuz und so. Mein Großvater ist schon lange, lange nicht mehr da. Ich sehe ihn nur noch in meiner Erinnerung, wenn ich mich ganz doll anstrenge und fest die Augen schließe. Mein Opa, der Fritz, liebte Gewächshäuser, Bohnen und die Tagesschau. Er hatte wellige Haare, die aussahen wie die eines Hollywoodschauspielers, was dem Opa vollkommen wurscht war. Manchmal half Opa Oma wenn was eingeweckt werden musste, Bohnen schnippeln und so. In den Ferien habe ich ihn oft besucht. Opa war schon früher Frührentner, so nannte man bei uns die, die wegen des Krieges oder anderen Sachen nicht mehr bis zum Schluss malochen gehen konnten. Aber als er noch konnte, arbeitete Opa erst im Schornstein und dann bei der Reichsbahn.

Während Oma damals für andere Leute Kleider nähte oder Jacken ausbesserte, blieb ich mit Opa zuhause, im Garten. Wenn er nicht gerade durch die Beete pirschte, paffte er eine oder schubste mich an der Schaukel ein bisschen an. Eines Tages hat Opa zu mir gesagt: „Los, wir bauen jetzt ein neues Gewächshaus! Und den Boden davor, den gießen wir aus Beton, und solange der frisch ist, drückst du deine Hände und Füße da rein, so fest wie ich es dir sage!“ Und ich habe meine Hände und Füße in den Beton gedrückt, so fest wie er es mir gesagt hat. Opa war, seit dem Bau des Gewächshauses, noch genau einundachtzig Honigstullen und hundert Kakao lebendig. Das habe ich ausgerechnet, als ich das erste Mal vergessen hatte, wie er lachte oder paffte oder besoffen im Garten in den Goldfischteich flog. Und neulich habe ich ihn wiedergesehen und begriffen, dass es noch so viel gibt, was ich nicht von ihm weiß. Mensch Opa, hab’ ich gedacht, als ich ihn auf dem Foto erkannt habe, du warst ja mal richtig, richtig jung, das hast du mir damals gar nicht erzählt!

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