Die Zeit des Luftballongefühls

Es ist ein Gefühl, als wäre man plötzlich leicht wie ein Luftballon und dann denkt man so, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis man vom Boden abhebt und ein bisschen wie Karlsson über den Dächern schwebt. Wenn man Bücher schreibt, scheint die Zeit stehen zu bleiben, man weiß nie genau, was um einen herum passiert, manchmal vergisst man, welcher Tag ist oder welcher Monat, aber nie welches Jahr. Man vergisst zu trinken und zu essen und Freunde zu treffen und ganz oft latscht man in denselben Socken durch die Bude, die man schon vor drei Tagen in die Tonne kloppen wollte. Und dann, ganz plötzlich neigt sich das Projekt dem Ende, von dem man manchmal, so mittendrin, wenn einem die Finger abfielen oder der Schlaf lahm legte, dachte, man würde es nicht mehr erleben. Buchstabe reiht sich an Buchstabe, Wort an Wort und Seite an Seite. Schwierig ist, wenn man über Berlin schreibt, dass man sich heute einen Text überlegt, der morgen oft nicht mehr stimmt. Weil sich die Stadt schon wieder verändert hat. Quasi über Nacht scheint sie das besonders gern zu tun, dann, wenn die Leute am ruhigsten atmen und nicht so ganz genau hingucken. Dann kommt sie und dreht sich einmal nach links und zweimal nach rechts und macht einen Satz zur Seite, ehe man sich auch nur einmal zu anderen umgedreht hat. Diese Stadt ist so voller Geschichten, dass man im Grunde schon wieder weiter schreiben müsste, würde man sie alle erzählen wollen. Aber nicht jetzt. Jetzt kommt erstmal die Zeit des Luftballongefühls. Endlich!

Verena Maria Dittrich, 111 Gründe, Berlin zu lieben

Manuskript, 111 Gründe, Berlin zu lieben

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