Alarm und Fernsehmörder

Aschewolkenalarm, EHEC-Alarm, U-Bahn-Alarm, Sex-Alarm. Überall Alarm! Man weiß vor Alarm gar nicht, welche Alarm-Meldungen man zuerst lesen soll. Viele dieser Meldungen verstehe ich nicht einmal, ich meine, ich verstehe sie schon, nur eben den Inhalt nicht. Dass ist vielleicht blöd! Nicht das ich sowas wie ne Alarm-Resistenz habe! Heute wurde zum Beispiel die Haftstrafe für Chodorkowski reduziert. Das ist dieser Kremlkritiker und Ölfuzzi, der sich mit dem Wladimir angelegt hat. Eine Eilmeldung nach der nächsten flog mir um die Ohren, in der Redaktion war höchster Alarm angesagt, und dann – auf einmal – lese ich, dass die Haft um ein Jahr reduziert wurde, und dass er jetzt nicht mehr 14 Jahre sitzen muss, sondern nur 13. Ich kann mir nicht vorstellen, wie lange ein Tag Haft im Knast gefühlt dauert, will ich auch nicht, muss ich – ein Glück – auch nicht. Aber hört es sich nicht trotzdem an, als hätte ein Gericht statt zweimal lebenslänglich nur einmal lebenslänglich angeordert? Oder irre ich mich da? Ja, gut, vielleicht irre ich mich. …Und dann: Die vielen Sexmeldungen in dieser Woche: unglaublich, da kriegt man ja die Gusche nicht mehr zu! Man ist morgens (oder mittags) wachgeworden, hat das Radio eingeschaltet und schon ging’ die Luzie ab. Der eine will ein bisschen Sex und kriegt ganz großen Ärger, die anderen veranstalten eine Mega-Bumsparty und kriegen ebenfalls Ärger. Und das Schöne: Erstmal abstreiten! Egal wie. Herrlich. Aber auch irgendwie langweilig, auf Dauer.

Vor lauter Sexgeschichten habe ich neulich sogar schon Fernsehmörder statt Fernsehmoderator gelesen! Vielleicht führen die Öffentlich-Rechtlichen ja bald ganz viele Fernsehmörder ein, wenn sie nicht an ihre Gebühren kommen. Die Meldung sehe ich förmlich schon vor mir: „So drehte unser Fernsehmörder Frau Koschinski den Saft ab.“ Zurück zur Ergo-Sexsause: Das ist ja jetzt nicht so neu, dass es in den Vorständen von großen Unternehmen ordentlich rumst, und genau aus diesem Grund erstaunt es mich jedesmal, wie empört man sich immer zeigt, wenn so ein Sex-Skandal öffentlich wird. „Unsere Vertriebler machen so etwas Schmutziges, Unerzogenes nicht“, heißt es erstmal oder „Wir können uns so ein abnormes Verhalten nicht vorstellen“, und, und. und. Dann gerät das Fass natürlich trotzdem ins Rollen und immer mehr schmutzige, kleine Details kommen ans Licht, aber anstatt die Eier zu haben und zu sagen: „Ja, bei uns wird mächtig gewaltig ge.vögel.t, Leute!“, wird vertuscht, geschwiegen und abgewiegelt.

Was ich in diesem Zusammenhang immer sehr merkwürdig finde ist, dass man, wenn es um primäre Schadensbegrenzung geht, die Frauen zu Wort kommen lässt. (Natürlich nicht die, die bei der Sex-Party dabei waren, klar! Obwohl: das wäre wenigstens mal ein Statement.) Da tritt dann kein Kerl vor die Kamera und sagt: „Ja, der Herr Kaiser hat in Budapest zwei Nutten gleichzeitig bestiegen, natürlich nicht die mit den weißen Bändchen, sondern nur die mit den roten, aber es hat ihm Spaß gemacht, denn der Herr Kaiser hat sich den Spaß nach der vielen Arbeit und dem ganzen Stress im vergangenen Jahr redlich verdient.“ Nein, da stehen dann so betuchte Damen vor versammelter Presse und meinen mit bedrömmelter, bierernster Miene und leicht nasaler, halb erstickter Stimme, dass man dem Vorfall derzeit intern genau nachgehe. Hä?, frag’ ich mich da! Was muss denn da geprüft werden? Die machen eben keine Tombola, sondern ein paar Fick.feste am Jahresende. Meine Güte. Was ich an diesem neuen Sex-Skandal besonders hübsch finde ist, was die Anwesenden, die nicht mehr bei der Hamburg-Mannheimer arbeiten, jetzt so aus dem Nähkästchen plaudern. Da sagt einer der Verwöhnten: „Jeder konnte mit einer der Damen auf eines der Betten gehen und tun was er wollte. Die Damen wurden nach jedem solcher Treffen mit einem Stempel auf ihrem Unterarm abgestempelt. So wurde festgehalten, welche Dame wie oft frequentiert wurde.“ Frequentiert? Ja, wie geil ist das denn? Abgestempelt? Supi! Wer träumt nicht davon, nach dem Sex abgestempelt zu werden?

Was ich mich gerade frage: Bei der Hamburg- Mannheimer gibt es ja wohl sicherlich auch Frauen, die Policen verkaufen und nicht nur Männer! Was haben d i e eigentlich als Prämie für tausend abgeschlossene Lebensversicherungen bekommen? Darüber werde ich jetzt kurz nachdenken, während ich in ein nacktes Brötchen mit bloßer Butter beiße. Es wäre nett, wenn mich jemand alarmieren könnte, wenn mein Hintern zu breit wird. Wie gesagt, bei mir sind die Alarmknöpfe irgendwie im Arsch.

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