„Wie ein Liebesbrief, den man immer wieder neu beginnt“

Das nenne ich doch mal einen Prima Vatertag! Zu gut erinnere ich mich, dass die Vatertage oft entweder grau verregnete Nachmittage waren und buchstäblich ins Wasser fielen und wie Vater, damals 1986, blau wie ein Schlumpf aus dem „Friedenseck“ nachhause gekommen- und mitten vor unserer Platte eingepennt ist. Und heute, da ist wieder so ein Vatertag, an dem ich hübsch brav mit feinen Schuhchen und gold bestickter Strickjacke im Nachrichtensender sitze und darüber berichte, wie Berlin so feiert. Aber plötzlich, welch‘ Vatertagsfreude sehe ich einen hübschen Artikel mitten auf der Startseite einer großen Volkszeitung, der sich unserem neuen Buch widmet.

 In diesem erfährt der Leser in 111 kleinen Geschichten was Berlin, die „Bundes-Hip-Stadt“ für uns so liebenswert macht. Dabei war es uns wichtig, dass man die Stadt nicht mit Lobhudeleien vollschüttet und den Blick nicht nur auf trendige Szenebezirke richtet, sondern hinter die Kulissen guckt, dorthin, wo kein Touri hinkommt und vor allem auch keiner hin will.  Dieses Buch ist voller schöner, lustiger, aber trauriger Kindheitserinnerungen und soll eines vor allem nicht sein: Ein neuer Reiseführer. Das Besondere an diesem Projekt war, dass das Buch aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben ist: aus einer weiblichen Sicht und einer männlichen, aus der Sicht eines Zugezogenen und eines echten Berliners, aus Sicht eines DDR-Kindes und eines Inselbewohners. Und ja, liebe Leute, natürlich bedient dieses Buch auch Klischees, aber das, so würde Wowi sagen, ist auch gut so.

Diese Stadt ist für uns mittlerweile wie ein Liebesbrief, den man immer wieder neu beginnt. Und zugegeben: Ich hasse sie auch, ich möchte in sie hineintreten und sie würgen, manchmal würde ich sie gern mit Mutters Wäscheklammern an der nächsten Leine aufhängen und vor ihr Regierungsviertel pinkeln, weil da alles so staubig ist, und dann habe ich soviel Wut im Bauch, so viel Wut, dass ich denke, ich müsse dringend aufs Land ziehen, dort wo es ruhig ist und mich glückliche Kuhaugen anlächeln, aber ich weiß auch, dass ich nach zwei Wochen wieder angekrochen käme, wie ein räudiger Köter, um mich neu anzuleinen.

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