„Und gib dein Höschen vorher beim CvD ab!“

Die aktuelle Sexismus-Debatte trifft einen Nerv: Zehntausende Kommentare in wenigen Tagen – im Internet schlägt die Diskussion hohe Wellen. Frauen schildern ihre Erfahrungen, Männer reagieren. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Über mich. Und darüber, was mir persönlich so alles passiert ist und auch darüber, dass ich diese Fauxpas nie an die große Glocke gehängt – weil ich sie – ich kann es nicht anders sagen – als normal empfunden habe. Schließlich wollte ich nicht als verklemmt gelten oder noch blöder: als humorfrei. Was war geschehen?

Dies ist meine Geschichte.

Nach dem Studium hatte ich ein bisschen Muffensausen, ein Dasein als arbeitslose Akademikerin zu fristen und schrieb Bewerbungen, was das Zeug hielt. Schnell hatte ich ein paar potentielle Möglichkeiten, in der Medien- und Verlagsbranche zu arbeiten und freute mich auf mein erstes Vorstellungsgespräch. Es sollte in einem in Berlin ansässigen Verlag stattfinden. Am Tag zuvor sah ich, dass sich der Geschäftsführer des Verlages höchstpersönlich auf meinem Xing-Profil umgeschaut hatte. Das machte mich einerseits zwar nervöser, als ich es ohnehin schon war, andererseits versuchte ich mich zu beruhigen und es als positives Zeichen zu sehen, schließlich wollte der Verlagschef mich zu seinen Kontakten hinzufügen. Wow, der will mich jetzt schon adden, dann kann ja morgen nichts mehr schiefgehen, freute ich mich.

„Nice pic“

Ich bestätigte also den Kontaktwunsch und bedankte mich artig für das Interesse an meiner Person. Dass der Verlagschef sehr einsilbig – und einer seiner ersten Sätze schlicht: „Nice pic“ war, kam mir zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht spanisch vor. Der muss den ganzen Tag herum koordinieren, da hat der doch keine Lust, mir halbe Romane zu schreiben, wenn wir uns morgen ohnehin sehen, dachte ich. Soweit, so naiv.

„Ich brauche eine neue Assistentin“

Im Laufe des Nachmittages war der zu diesem Zeitpunkt potentielle neue Arbeitgeber ständig auf meinem Profil und schrieb mir mehrere kurze Sätze wie: „Ich brauche eine neue Assistentin“ oder „Wann können Sie frühestens kommen?“  Ich wunderte mich zwar ein wenig, aber bei mir klingelte nichts, gar nichts, kein einziges kleines, klitzekleines Glöckchen. Wie konntest du nur so naiv und dusslig sein, sollte ich mich später noch dutzende Male fragen. Plötzlich änderte der Verlagschef, nennen wir ihn einfachheitshalber Dr. D. sein Profilfoto. Auf der Bildfläche erschien nun ein Auto, ich kenne mich mit Autos nicht sonderlich gut aus, mir genügt, wenn sie fahren. Ich stutzte.

Die Sache mit dem Aston Martin und die Kuss-Frage

Herr Dr. D. schrieb: „Aston Martin“.  „Schön“, schrieb ich, „Ihrer?“ … Und das war er, der Kasus Knacktus, der Moment, an dem ich doch hätte verdammt nochmal merken müssen, dass es hier weder um mein Vorstellungsgespräch, noch um eine Assistenzstelle ging. Aber nix da, ich stand noch immer auf dem Schlauch. Und ich will ehrlich sein, ich schäme mich heute ein bisschen für diese  Blödheit. Doch zurück zu Herrn Dr. D.

Er schrieb wieder: „Können Sie einparken?“

„Klar, kann ich das“, antwortete ich flapsig.

„Was machen Sie heute Abend?“

Ich schwieg.

„Können Sie gut küssen?“

Ich antwortete nicht.

Er schrieb wieder: „Wollen Sie mit dem Wagen eine Runde drehen?“

Vor meinem Rechner hin- und herlaufend überlegte ich, was ich tun sollte: Sollte ich mich über die Kuss-Frage aufregen oder sie ignorieren? Sollte ich ihm antworteten, dass ich mir eine solche Frage verbitte? Und was, wenn er nur lustig sein wollte? Wird er mich für eine „blöde, verklemmte Emanze“ halten? Habe ich womöglich, wenn ich mich echauffiere, mein morgiges Vorstellungsgespräch vergeigt? Ich war in der Zwickmühle. Aber da wollte ich doch überhaupt nicht sein! Ich muss ihm antworten,  dachte ich. Ich kann seine letzte Frage nicht ignorieren, wenn ich schon die Kuss-Frage ignoriere.

Das Höschen kommt ins Spiel

Also schrieb ich: „Eine Runde drehen? Gern!  Aber allein. Sie können den Schlüssel unten beim Pförtner abgeben.“ Ja,  ich gebe es zu, ich wollte noch witzig sein, es sollte salopp-lässig rüberkommen und doch selbstbewusst. Ich wollte ihm mit dem „Alleinfahren“ signalisieren, dass ich durchaus kontern kann.  Und dann kam der Satz, der mich umhaute und den ich immer und immer wieder nachlesen musste:

„Nix Schlüssel abgeben!;-) Wenn du fahren willst, sag wann …und gib dein Höschen vorher beim CvD ab!;-)“

Ich reagierte nicht mehr. Die Aufforderung, meine Unterhose beim Chef vom Dienst zu hinterlegen, in Kombination mit den Smileys: es ekelte mich an. Und ich ärgerte mich über mich selbst, ich – die naive Nichtsahnende, das Dummbrot. Habs herauf beschworen. Bin selber schuld. Werde das Gespräch verbocken.

Am nächsten Tag ging ich trotzdem hin. Ich hatte es bei seinem Stellvertreter, Herr Dr. D. ließ sich entschuldigen. Den Job habe ich bekommen und anschließend ne Weile in dem Verlag gearbeitet. Wir haben nie wieder auch nur ein einziges Wort miteinander gewechselt. Ich habe mich lange gefragt, ob er überhaupt ein Unrechtsgefühl hatte. Ich glaube nicht. Und ich wundere mich ein wenig, dass es so lange gedauert hat, bis ich begriffen habe, dass es nicht um den Zeitpunkt geht, wann man eine solche Geschichte erzählt, sondern vielmehr, dass man es tut.

Verena

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