Alter Affe Schluckzwang

In Berlin, so sagt man, ist es enorm schwierig in der Medienbranche einen Job zu kriegen. Die meisten Freien wurschteln sich so durch, sitzen seit jeher mit ihren Rechnern bei Ansgar im St. Oberholz und arbeiten an irgendwelchen Projekten. Wenn man in Berlin eine feste Stelle hat, ist das toll. Richtig toll. Und jetzt, ich merke schon, ich jammere auf hohem Niveau, bin ich in der Zwickmühle, denn: Ich habe eine Festanstellung in Aussicht. Ist das nicht wie ein Fünfer im Lotto? Muss ich mich da nicht unheimlich freuen?

Vorbei wären die Sorgen und Ängste, plötzlich mit meiner Schrankwand, die ich von Oma geerbt habe, auf der Straße zu landen, weil ich die Miete nicht zahlen kann. Ich hätte keine finanziellen Probleme mehr, ich müsste mich nicht mehr mit dem Finanzamt rumstreiten, das Betteln bei meinem Steuerberater wäre ein für alle Male vorbei, ich müsste keine Angst mehr haben zu erkranken, weil ich, wenn ich mich nicht fühle, einfach zum Arzt latschen – und mich krankschreiben lassen kann, ich hätte dreißig Tage bezahlten Urlaub und ein dreizehntes Monatsgehalt! Würde ich länger arbeiten müssen, könnte ich mir auf Firmenkosten ein Taxi rufen, ich bekäme meine Überstunden bezahlt und vermögenswirksame Leistungen. Vergessen wäre die Zeit, wo ich mich unter Druck, einer halben Flasche Rotwein und ein paar letzten Walnüssen einschließen musste, um den Roman zu Ende zu schreiben, ich könnte sagen: „ist mir doch schnurz, ob mein nächstes Buch ein Erfolg wird, ich bin ja auf die Kohle nicht mehr angewiesen“,  ich könnte mich einfach hinsetzen, den Kugelschreiber zur Hand nehmen und den Arbeitsvertrag unterzeichnen… Wäre da nicht ein winzig kleines, aber nicht zu unterschätzendes Problem: mein Schluckzwang! Ja, meine Damen und Herren, Sie lesen richtig: seit dem Moment, wo ich erfahren habe, dass ich fest angestellt werden könnte, leide ich unter bitterlichem Schluckzwang. Ich schlucke mich noch tot, wirklich! Der Gedanke an ein festes Einkommen schnürt mir die Kehle zu, ich kriege keine Luft, selbst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schlucke und hechle ich wie ein Köter, dem es zu warm ist. Ich sabbere mir fast einen ab, Hülfe!

Als der alte Affe Schluckzwang plötzlich mitten in der Nacht in meine nackte Kehle kroch, verunsicherte mich das natürlich, aber irgendwann pennten wir beide vollkommen übernächtigt ein. Doch als ich am nächsten Nachmittag bräsig erwachte, war er immer noch da. Er saß in meinem Hals wie ein ungebetener Gast auf dem Sofa und ließ sich nicht herauskomplimentieren. Ich überlege schon, ob ich ihm einen Kosenamen geben soll, weil unser Verhältnis, von außen betrachtet, ja richtig inniglich ist. Im medizinischen Fachjargon heißt er nur Dysphagie oder putzig: Globus Hystrericus.

Ich glaube, wenn ich die Stelle nicht annehme, verschwindet er wieder und die anderen Probleme, die mit meiner brotlosen Kunst einhergehen, kehren selbstverständlich zurück. Ich muss gestehen, dass ich bei der spärlichen Auswahl: Entweder Schluckzwang oder Existenzprobleme schon ein ganz kleines bisschen angepisst bin. Das ist wie die Wahl zwischen pürierter Leber mit Kartoffelpüree oder Königsberger Klopsen aus der Dose. Beides absolut nicht mein Fall, aber pürierte Leber mit  Schluckzwang? Nicht auszudenken.

Ich bin so undankbar! Ich kann mich überhaupt nicht freuen, dass mich einer anstellen will und werde plötzlich ganz schmallippig. Stattdessen lamentiere ich über meine psychischen Disharmonien. Oh Gott, ich werde in der Gosse landen! Bis dahin gönne ich uns beiden, dem Affen und mir, aber erst mal ein Schluckschluckschluckschluckschluck Schampus. Nur vom Feinsten. Solange es noch geht!

Beni Bischof

Bild des wunderbaren Schweizer Künstlers Beni Bischof, the one and only

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