Der Kreuzworträtselmord

Damals, als Einwohner in der DDR, hat man nur selten in der Zeitung gelesen, wenn jemand um die Ecke gebracht worden ist. Dort stand höchstens ein winzig kleiner Artikel auf Seite 3, in der linken Spalte. Wenn jemand vermisst wurde, war‘s ähnlich. Ich erinnere mich daran, wie ich als kleines Kind manchmal ein paar Wortfetzen aufschnappte, wenn sich die Frauen im Konsum unterhalten haben: „Haste schon gehört, der Mann von der Moni soll ein Moped geklaut- und damit den dicken ABV Müller, den mit dem grünen Parka, angefahren haben. Er hat über zwei Meilen nach Schnaps gerochen, sagen sie“.

Als ich in der ersten Klasse war, verschwand aus unserem Nachbardorf mal eine Lehrerin. Sie war aus Lakoma. Ich kannte zwar die meisten umliegenden Dörfer, aber Lakoma kannte ich nicht. Und seit dem Verschwinden dieser Lehrerin habe ich das Dorf Lakoma immer mit dem traurigen Schicksal der ermordeten Frau, die man später irgendwo in den Wäldern verscharrt gefunden hatte, in Verbindung gebracht. Und nicht nur ich, jeden den ich kannte, sagte. „Ach, Lakoma, da kam doch die arme Frau her.“ Man konnte über die Ermordete fast nichts in der Zeitung lesen, außer eben kurz und knapp, dass sie ermordet wurde. Reicht ja im Grunde auch, ist ja schlimm genug. Im Osten wurde nichts groß aufgebauscht, jedenfalls keine Kriminalfälle, auch nicht Straftaten wie Sexueller Missbrauch oder so. Erst recht nicht sexueller Missbrauch an Kindern. Hallo? Im Sozialismus gab es so etwas Böses nicht, so etwas Böses gab es nur in der kapitalistischen, kriminellen, bösen Bundesrepublik.

Dieser Tage lese ich nun von einem Kriminalfall, der zu den spektakulärsten der DDR-Geschichte zählt, dem „Kreuzworträtselmord“. Der Fall liegt mehr als 32 Jahre zurück und soll jetzt noch einmal aufgerollt werden. Es geht um den grausamen Mord an einem kleinen Jungen namens Lars Bense, den ein Streckenwärter der Reichsbahn 1981 in Halle tot in einem braunen Koffer fand, nachdem dieser zuvor vom Mörder aus dem fahrenden Zug geworfen wurde. (Der Bahnmitarbeiter hoffte erst, in dem Koffer West-Jeans oder Geldscheine zu finden. In dem Fall hätte er wohl keine Meldung gemacht.) Ein teilweise ausgefülltes Kreuzworträtsel, das – neben FDJ-Zeitungen und anderem SED-Parteigedöns – zusammen mit der Leiche im Koffer lag, hatte die Fahnder schließlich irgendwann zum Mörder geführt. Es war ein 18-Jähriger, der die Tat schon bald nach den ersten Verhören gestand.

Nun, mehr als 30 Jahre nach dem grausamen Verbrechen, hat die Staatsanwaltschaft erneut ein Ermittlungsverfahren  eingeleitet. Und zwar gegen die damalige Verlobte des Mörders, um zu prüfen, wie viel oder ob sie etwas von dem Mord an dem kleinen Jungen wusste. Denn die heute 49-Jährige hat die Erlebnisse von damals jetzt in einem Buch verarbeitet, das dieser Tage erscheint. Es heißt, die reale Story sei in eine fiktive Rahmenhandlung gepackt. Die Schrift, mit der das Kreuzworträtsel gelöst – und der braune Pappkoffer, in dem Lars gefunden wurde, gehörten übrigens ihrer Mutter.

Von der Akribie und Spurensuche der Volkspolizei, die monatelang in Bergen aus Papier nach dem Besitzer der charakteristischen Handschrift des Kreuzworträtsellösers gesucht hatte, stand so gut wie nichts in der Zeitung. Schließlich führte die Spur, wie gesagt, zur Mutter der damaligen Freundin und jetzigen Autorin, in deren Wohnung der Junge erst sexuell missbraucht und dann erschlagen worden war. Der Täter ist ermittelt und zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Davon saß er lediglich zehn Jahre ab und ist seit 1999 wieder auf freiem Fuß. Die Rolle der Freundin aber scheint weitaus tragender gewesen zu sein, als bislang angenommen, denn auch wenn in ihrem Buch „Der Kreuzworträtselmord“  angeblich fiktive Aspekte in die wahre Handlung eingeflossen seien, so ist es doch mehr als bizarr, einen Mord wie diesen auszuschmücken, um den Stoff für den Leser interessanter zu machen. Ich stelle mir in Anbetracht dessen die Frage, ob ihr beim Schreiben des Buches überhaupt klar war, dass Mord nicht verjährt. Auch nicht nach 32 Jahren. Und dass ein kleiner Mensch bestialisch aus dem Leben gerissen wurde. Und ob sie tatsächlich dabei war. Im Buch ist davon die Rede, dass sie Ihren Ex-Freund kurz nach der Tat überrascht haben soll. Das liest sich dann so:

„Ich hab einen kleinen Jungen mit in die Wohnung genommen. Ich konnte einfach nicht anders, er war so niedlich, irgendwas ist da über mich gekommen, ich musste ihn um alles in der Welt mitnehmen“. Die Essecke sei voller Blutspritzer gewesen. „Irgendwie lebt er noch, aber nicht mehr richtig, ach, ich weiß nicht, du siehst ja, wie es hier aussieht. Ich versuche ihn erst einmal ins Herz zu stechen, vielleicht bekomme ich ihn dann tot.“ Dann sei der Mörder im Bad verschwunden. Als die Verlobte fliehen wollte, soll er gebrüllt haben: „Ich geh doch nicht wegen so einem Gör ins Gefängnis!“ Und in dem Buch steht nun auch, dass sie mit verbundenen Augen dem Täter assistieren musste.

Vielleicht liefert die Autorin oder mutmaßliche Mittäterin (das klärt das Gericht) erst einen Bestseller ab und geht anschließend in den Bau? Ich weiß nicht, wie ich jetzt einen runden Abschluss für diesen Artikel finden soll. Vielleicht muss es keinen geben. Vielleicht sollte man auch nicht über die Autorin nachdenken, die sich mit dem Buch, wie sie sagt, von einer Last befreit, sondern über die Mutter des getöteten Jungen und den Verlust, den sie erträgt. Jeden Tag. 32 Jahre lang.

Der Koffer, in dem der tote Lars Bense gefunden wurde, eingewickelt in Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln (undatiertes Handout vom WDR zur Sendung «Die großen Kriminalfälle» vom 13.07.2001). Der spektakulärste Kriminalfall der DDR-Geschichte wird nach 32 Jahren neu aufgerollt: der sogenannte Kreuzworträtselmord 1981 in Halle-Neustadt. Foto: WDR/MDR

„Der Koffer, in dem der tote Lars Bense gefunden wurde, eingewickelt in Zeitungen mit ausgefüllten Kreuzworträtseln (undatiertes Handout vom WDR zur Sendung «Die großen Kriminalfälle» vom 13.07.2001). Der spektakulärste Kriminalfall der DDR-Geschichte wird nach 32 Jahren neu aufgerollt: der sogenannte Kreuzworträtselmord 1981 in Halle-Neustadt. Foto: WDR/MDR“ Quelle: dpa

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