„Weißt du noch, damals…?“

In mir ist nichts mehr, was noch einen Versuch für uns  starten würde, einen allerletzten, noch einmal anrufen,  fragen, wie’s so geht, was die Arbeit macht, und der Mann, die Familie, das Leben. Keine einzige Frage ist mehr da, keine Idee, kein Funke, nichts. Alles leer, alles weit fort, alles irgendwie so, als hätte die Strömung das Gefühl füreinander fortgetragen. Unsere Freundschaft – wie der Ort, an dem wir wohnen – gentrifiziert. Ich erinnere mich, wie ich alles nach uns abgesucht habe, Schränke, Schubladen, Taschen. In der Küche, an der Pinnwand, hängen noch deine Ansichtskarten aus den letzten Urlauben und die Glückwünsche zu meinem Geburtstag vor drei Jahren. Darüber Staub und Bratenfett.

Und unter den Glückwünschen Kinokarten von 2009 und geknickte Fotos: Wir, nackt am Strand, mit Sonnenbrand, nassen Haaren und Sand zwischen den Zehen. Du, im Sommer 2008 in Lyon. Ein Weilchen noch hab ich gedacht, dass es weiter funktioniert mit uns, dass sich nur die Hülle ändert, wie sich sowieso alles ändert, die Umstände, die Zeiten, die Liebe, das Leben, wir. Aber du hast gesagt, wir müssen nur für mehr Schwung sorgen, ich könne dich besuchen kommen, wenn das Kind schläft, der Mann nicht da ist, kein Mittagessen gekocht werden muss oder zum Frühstück. Und ich habe versucht, mich neu zu sortieren, weniger zu schlafen, früher ins Bett zu gehen, zeitiger aufzustehen, dich öfter zu besuchen, am besten morgens, gegen Neun. Alles mitmachen, alles gut finden, mit dem Körper dabei sein, aber mit dem Kopf ganz woanders, hauptsache ein Teil ist noch da.

Doch ich weiß jetzt, dass ich auch die tiefsten Stellen meines Herzens nicht mehr abgrasen muss nach uns, weil wir schon lange nicht mehr da sind, weil es uns nicht mehr gibt, weil wir nicht in der Form existieren können, die du vorgeschlagen hast, weil das nicht wir sind, du nicht, und ich erst recht nicht. Man sieht uns den Stress an, den wir uns machen, unsere halbherzigen Versprechen, die müden Blicke im Kaffee, die Blicke auf die Uhr. Und dennoch können wir nicht sagen, dass wir einander aussortiert haben, dass es jetzt Wichtigeres gibt, dass wir uns eigentlich gar nichts mehr zu sagen haben. Stattdessen jedes Mal dieselben Worthülsen: „Weißt du noch, damals…?“

Loslassen

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