Blutige Sandalen

Es ist ein verregneter Tag. Ich sitze am Wohnzimmertisch meiner Eltern. Mutter schaut auf die Uhr, Vater sitzt wie immer auf dem Sofa und liest. Der Fernseher läuft. Während Mutter nervös ist, versuche ich, meine Aufregung mit Small Talk zu überspielen. „Wir lange musstet Ihr auf die olle DDR-Schrankwand warten?“ frage ich. „Zwei Jahre“, sagt Vater, „war im Osten nun mal so“. „Tja ja“, seufze ich.

Wir warten darauf, dass es klingelt. Eine Dame von der Krankenkasse kommt, um ein Gutachten über meinen Vater zu erstellen. Pflegestufe I. Mein Vater ist 65 Jahre alt und verlässt nie das Haus. Ich erinnere mich an den Tag des Unfalls, der ihn zum Invalidenrentner machte. Fast 25 Jahre ist das her. Details weiß ich nicht, eine Straßenbahnschiene sei von einem LKW gerutscht und auf sein Bein gefallen, das war alles, was man uns sagte. In dem Stoffbeutel, der tagelang nach dem Unfall an Mutters Fahrradlenker hing,  fand ich Vaters blutgetrocknete Sandalen. Das war 1989. Unsere Familie wollte das erste Mal in den Westen reisen. Am liebsten zur Schwarzwaldklinik, Doktor Wussow treffen, so Mutters Wunsch. Daraus wurde nichts. Vater kam aus der Reha und blieb fortan zuhause. „Dein Vater ist ein Wendeopfer“, haben die Leute gesagt, „dein Vater spricht kein Wort, dein Vater ist der Almöhi der gesamten Plattenbausiedlung, ein Stubenhocker,  ein faules Schwein“.

All das ist lange her. Wir Kinder sind damit erwachsen geworden. Und als die Jahre ins Land- und wir längst ausgezogen waren, wohnten die Eltern weiter in der kleinen Plattenbauwohnung mit der viel zu großen DDR-Schrankwand und alles blieb so, wie wir es kannten. Vater klebte auf dem Sofa fest. Bald sah er aus wie Karl Marx. Es gab Billionen Versuche, ihn zu animieren, Vorwürfe, Betteln. Irgendwann resignierten wir. Vater wollte nichts. Außer lesen. Und dasitzen. Tage. Monate. Jahre.

Es klingelt. Die Gutachterin hat einen festen Händedruck und beginnt sogleich, meinem Vater Fragen zu stellen. „Wann ist Ihre Tochter geboren?“ fragt sie. Hilfesuchend schaut er mich an. Ich überlege, ob ich ihm leise vorsagen soll. Die Träne, die ihm die Wange herunterläuft, verfängt sich in seinem Bart. Nur keine Larmoyanz, denke ich.

„Sie haben viele Bücher“, sagt die Gutachterin, „haben Sie die alle gelesen?“ Ja, antwortet mein Vater knapp. „Haben Sie ein Lieblingsbuch?“ Mein Vater schweigt. Wir trinken Kaffee. Die Gutachterin notiert. Ich frage meinen Vater, was er sich wünscht. „Nichts“, sagt er, und dann: „Doch, einen Wunsch hätte ich: dass ich nicht siebzig werde.“ „70? Warum nicht 70?“ fragen wir: „Na, ja, oder nur ganz knapp 70, dann könnte ich endlich sterben.“

Dann setzt er sich zurück aufs Sofa. Die Gutachterin hat alles notiert, was sie wissen muss: Alltag, Psychiatrie-Aufenthalte, Medikamente. Mutter räumt das Geschirr ab. Ich setze mich zu meinem Vater aufs Sofa. „Weißt du, warum die Frau da war?“, frage ich ihn. „Nicht wegen mir“, sagt er, ohne aufzuschauen.

Draußen hat es aufgehört zu regnen.

Regen

Männer – Psychische Defekte unerkannt

Berlin: Psychische Erkrankungen bei Männern bleiben einer Studie zufolge häufig unerkannt. Der heute präsentierte „Männer-Gesundheits-Bericht 2013“ kommt zu dem Ergebnis, dass seelische Störungen von Männern sowohl im öffentlichen Bewusstsein als auch in weiten Teilen der Medizin kaum beachtet werden. Nach Aussage der Wissenschaftler hat dies dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren die Suizid-Rate drastisch gestiegen ist. So nähmen sich dreimal soviele Männer das Leben wie Frauen. Vor allem Belastungen im Beruf und die Angst vor einem sozialen Abstieg schlügen sich in psychischen Erkrankungen nieder. (Quelle.ndr)

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