Auf jeden Fall nichts mit Menschen

Früher, in der DDR, hatten die Kinder oft so ein Poesiealbum, das sie in der Schule rumgehen ließen und in das jeder einen schlauen oder prosaischen Spruch geschrieben hat, irgendwas von Goethe oder Kästner oder dass man seine Eltern achten soll und so. Und später, in der Pubertät, wurden die Poesiealben durch coole Freundschaftsbücher ersetzt, in die es natürlich nicht mehr der verhasste Mathe-Lehrer mit einem mahnenden Spruch geschafft hat, sondern vor allem die Jungs, für die man heimlich schwärmte. Und wenn diese Jungs dann auch noch die Musik hörten, die man selber cool fand, war eigentlich schon alles geritzt: der Weg fürs Verknallt sein war frei.

Ich erinnere mich, dass es in diesen Büchlein auch ein Kästchen zum Ausfüllen des Berufswunsches gab, ich hab da immer irgendwas hingeschrieben, was nicht stimmte, weil ich gar nicht wusste, was ich werden wollte und auch irgendwie nicht so richtig einsah, warum ich überhaupt irgendwas werden sollte. Also habe ich geschaut, was die anderen so schrieben. Die Mädchen wollten meistens Verkäuferin, Kindergärtnerin oder Friseuse werden. Dass mit dem Mindestlohn war damals noch nicht so präsent. Die Jungs wollten Astronaut (bzw. Kosmonaut), Busfahrer oder Elektriker werden und wenn einer mal keinen Berufswunsch angab, schrieb er:  „was mit Menschen“.

Ich frage mich, was ich heute bei der Frage nach meinem Berufswunsch in so ein Freundschaftsbuch schreiben würde, heute, wo ich ja schon „was geworden“ bin. Ich bin eine mittelprächtige Kunsthistorikerin und Literatur-Tante, Journalistin, popelige Germanistin und manche sagen sogar, ich wäre eine richtige Schriftstellerin. Ich gebe zu, diese Betitelung erfüllt mich noch immer mit Scham. Was die anderen Kinder wohl über mich gedacht hätten, wenn in meinem Kästchen: Schriftstellerin gestanden hätte? Oder Kunsthistorikerin und Germanistin. Diese Berufssparten waren in der DDR so rar wie – entschuldigt den  ausgelutschten Vergleich – Bananen.

Auch heute hätte ich Schwierigkeiten, nur einen Berufswunsch in das Berufswunschkästchen zu schreiben. Um es nicht unnötig zu spezifizieren, würde ich womöglich einfach nur schreiben: „auf jeden Fall nichts mit Menschen“.  Dieses Unspezifische könnte ich wiederum sehr genau spezifizieren: Weil sie anstrengend sind und gehässig, weil ich viele von ihnen nicht leiden kann, weil sie verlogen sind und peinlich, weil sie Eigenschaften haben, die ich nicht ertragen kann, weil sie verloren sind und mir schlicht und einfach auf den Keks gehen. Weil ich selber einer bin.

Will man, dass so jemand einem ins Freundschaftsbüchlein schreibt? Vielleicht aber ist das ein neuer Berufszweig, der sich mir da gerade offenbart: Ich entwerfe Freundschaftsbüchlein für überspannte Misanthropen. Vorbestellungen? Gern. Aber bitte nicht während der Rush-Hour. Da habe ich zu tun mit Menschen zusammenbrüllen.

Zwei Kinder in der Sonne am Wiesenzaun stehend, Paula Modersohn-Becker, 1902

Zwei Kinder in der Sonne am Wiesenzaun stehend,
Paula Modersohn-Becker, 1902

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