Guten Morgen, neuer Tag, gibt‘s schon Tote?

Manchmal gibt es Tage, an denen ich richtig gern arbeite, das sind diese Tage, an denen alles stimmt: die Chemie mit den Kollegen, die Stimmung, das ganze Drum Herum eben. Tage, an denen ich sogar meine Pause machen kann und mir bei Aldi einen Salat hole, den ich mir mit Rundschlag vor dem PC einschaufle, als hätte ich seit Wochen nichts mehr zu Beißen gehabt. Tage, die trotzdem stressig sind. Tage aber, an denen die Nachrichtenlage für die Medien gut ist und in der Welt allerhand passiert. Morde, Unfälle, ein Bankraub, und wenn man Glück hat, ist der hauseigene Reporter genau da vor Ort, wo gerade ein paar Bomben hochgehen.

Menschen krepieren wie die Fliegen, Häuser stürzen ein, Models in Fernsehsendungen plagt schreckliches Heimweh, ich schreibe über Kinder in Amerika, die versehentlich ihre Geschwister mit der eigenen putzigen Kinderknarre erschießen, die Oma ihnen zum letzten Geburtstag geschenkt hat und die ungesichert im Sockenfach lag. Neben Gummi-Dinos und Prinzessin Lillifee. Ich pieke mit meiner Gabel in eine Tomate und lade Fotos für meine Artikel runter. Abgetrennte Gliedmaßen, weinende Kinder, Blutlachen, Palästinenser und Israelis. Dann schließe ich die Website, die gerade mit dem Promi aufmacht, der einen Einblick in seinen Kleiderschrank gewährt. Er berichtet von 50 paar stylischen Schuhen und wie wichtig ihm die alle sind. Irgendwie finde ich es dämlich, dass ich mir tatsächlich den Namen des Promis gemerkt habe. Mein blödes Hirn! Na ja, morgen habe ich ihn wieder vergessen, denke ich so bei mir und kratze zuversichtlich die Salatschüssel aus.

Genauso wie ich hoffentlich vergessen haben werde, dass ich im Biografie-Artikel Beate Zschäpe als „Oma-Kind“ bezeichnet habe, und einen kurzen Moment darüber nachdachte, warum ihre Mutter sie nach der Geburt verlassen hat. Sollte man sich vielleicht sogar noch mehr mit Zschäpe beschäftigen oder lieber überhaupt nicht? Ich weiß es nicht, was ich weiß ist, dass dieses Potpourri des Wahnsinns irgendwo in meinen hintersten Gehirnwindungen kleben bleiben wird wie eine zähe, schleimige Masse aus Kotze. „Gute Artikel“ heißt es am Ende eines „guten Tages“. Hofft man, dass es morgen genauso weiter geht und man die Absurdität dieses Satzes spätestens mit dem ersten Kaffee runterschluckt wie die leise, stetig zunehmende Verzweiflung darüber, auf was für einer beschissenen, verlorenen, korrupten Welt man eigentlich lebt. Guten Morgen, neuer Tag, gibt‘s schon Tote?

Explosion in al-Marjeh area in the heart of Damascus, Quelle: DPA

Explosion in al-Marjeh area in the heart of Damascus, Quelle: DPA

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