Die unsichtbare Linie

Wie schnell das gehen kann, das Erwachsenwerden. Mit einem Male fühlt man es – ganz tief in sich drin – und man sagt sich dann, aha, so ist das, wenn man erwachsen ist, so muss das also sein. Man drückt Stempelkarten und macht Lohnsteuerjahreserklärungen, heiratet und lässt sich scheiden. Man schafft sich Häuser und Hunde an, Kinder und Katzen. Man wird verwundbar. Verpasst Chancen. Trifft die falschen Entscheidungen oder hört auf, jemanden zu lieben. Man trinkt und raucht und lässt es wieder, eine zeitlang geht man mittwochs in die Sauna, freitags zum Skat und sonntags zur Beichte. Viele von diesen Erwachsenen-Dingen macht man, ohne genauer darüber nachzudenken. Weil sie normal sind und dazugehören und eben oft auch einfach so sein müssen.

Auf meinem Weg zum Erwachsenwerden gab es keine Linie, die ich bewusst überschritten habe, kein Moment, in dem mir klar war, so, du bist nun ein erwachsener Mensch, du bist jetzt drin in der Erwachsenenwelt, du musst jetzt darin zurechtkommen und dich an die anderen Erwachsenen gewöhnen, denn du bist jetzt einer von ihnen. Press die Lippen zusammen, wenn dir was nicht passt oder schweige so laut, dass es jeder hören kann. Gleichmäßig atmen geht nur noch am Wochenende.

Nie habe ich darüber nachgedacht, wann genau ich erwachsen geworden bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nie erwachsen gefühlt habe. Oder schon als Kind ein bisschen erwachsen war. Aber jetzt, wo ich älter werde, frage ich mich von Zeit zu Zeit, warum ich sie auf einmal sehe – diese Linie, die ich früher nie wahrgenommen habe, von der ich behaupte, dass sie damals nicht da war oder zumindest unsichtbar. Auch jetzt ist sie oft nur ganz schwach zu sehen, irgendwo ganz weit hinten, unnahbar, unerreichbar. Und sie entfernt sich, wenn ich auf sie zugehe, noch entfernt sie sich.

Doch irgendwann begann ich, in meiner eigenen Erwachsenenwelt über Dinge zu stolpern, die auch anderen Erwachsenen zu schaffen machen, Dinge, die jeder für sich selbst erledigen muss, Dinge, über die man ungern spricht, Dinge die wehtun und die einen hässlich aussehen lassen, müde und alt. Und all diese Dinge haben einen Namen, den man früher nicht kannte und heute oft nicht wissen will. Unheimlich scheinen sie, traurig und knöchernd, obwohl sie dazu gehören. Ihre Bedeutung wissen wir nur, weil wir müssen, nicht weil wir wollen. Patientenverfügung, Notar, Vorsorgevollmacht, Alzheimer, Stent, Herzkatheter, Beatmungsgerät, Bypass, Psychose, Depression, Embolie, Infarkt, Grabstätte.

Die Angst vor diesen Lebensdingen, so glaube ich, lässt mich die Linie jetzt bewusster wahrnehmen als damals, während meiner unbeschwerten Jugendlichkeit. Tick, tack, tick, tack… Ich bin erwachsen geworden, jetzt werde ich alt. Wenn ich Glück habe. Ich will‘s nicht verdrängen, ich will später nicht im schmierigen Lichtkegel der Wohnzimmerfunzel sitzen, mit den verhornten Fingerspitzen über die vergilbten Fotos von früher streicheln so als würde die Vergangenheit dadurch zur Gegenwart, und mich dabei wehmütig heiser heulen.

Ich will mit aller Kraft meinen Sandsack boxen, solange bis er sich nicht mehr bewegt, ich will jetzt lernen zu akzeptieren, dass ich alt werde. Dass ich ohne zu husten durchatmen und mit Freude sagen kann: Ich bin alt. Ich hab es lange, lange kommen sehen. Ich bin ein alter Mensch mit einem alten Herzen. Aber ich bin immer noch ein verdammt guter Boxer. Und ich kann jetzt ruhig öfter müde sein, das ist kein Problem mehr, die Träume werden die gleichen bleiben. …Und das dahinten, das ist meine Linie. Ich hab ein bisschen Angst, wenn ich die Augen schließe, aber auch Glück, dass ich sie  sehen kann. Wie du, Vater.

Johannes Antonius

Vater und ich Ende der Siebziger Jahre

 

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