Der blaue Turnbeutel

Es gibt manchmal Dinge, die ich einfach nicht für mich behalten kann, die ich in die Welt hinaus rotzen muss, damit sie nicht mehr in meinen Gehirnwindungen Purzelbäume schlagen. Dabei denke ich oft, ach, Gottchen, Kind, thematisiere nicht jeden Mist, vergiss es einfach, sprich es nicht aus, es wird dadurch nur peinlich. Und zwar für dich selber! Aber offensichtlich will ich auf Gedeih und Verderb die Ehre der Fettnäpfchen verteidigen, diese armen Fettnäpfchen – die können ja schließlich auch nichts dafür, dass ich ständig in sie reinlatsche. Ich erklär mal kurz, worum es überhaupt geht:

Unter dem Motto: Chillen und Grillen habe ich die Genossinnen und Genossen, mit denen ich zusammen arbeite, neulich zum gemütlichen Sit in eingeladen. Ich schrieb, und ja, ich gebe es zu, ich wollte eben lustig sein, ich hab das manchmal, dass ich unbedingt lustig sein möchte, na ja, jedenfalls zurück zur Einladung. Ich schrieb: „Liebe Freunde der freien Körperkultur, so jung und knackig kommen wir nicht mehr zusammen. Deswegen soll im Juli unser lang erwartetes Treffen stattfinden.“ So weit, so unspektakulär.

Später dann, am Abend, ich daddele gerade durchs gemeingefährliche Internet, sehe ich auf meinem Blog die Suchbegriffe, die die Menschen bei google eintippten und daraufhin bei mir gelandet sind. Man gibt ja alles Mögliche bei google ein, aber dass da – auf MEINEM Blog plötzlich MEIN Name in Verbindung mit FKK-Stränden (öffentliche Bilder im Internet, icke nackig!) steht, versetzte mich mindestens eine Zehntelsekunde in einen akuten Schockzustand. Die Suchbegriffe lauteten: „verena fkk“, „verena freie Körperkultur“, „verena oben ohne“, „verena FKK.com“.

Gott gütiger, dachte ich, ich habe ca. 30 Kollegen eingeladen. Wer von denen will mich nur nackt sehen? Wer von denen träumt nachts von meinen Möpsen? Und warum – What the fuck – denken die, dass es da gleich eine ganze Homepage von mir gibt – ich lasziv in Posemuckel aufm Kuhfell? Ich steigerte mich richtig in die Sache rein, analysierte jeden einzelnen, begann zu denken, dass man sie mit einem Blick sofort als Spanner enttarnen könnte. Ich wurde richtig großkotzig: Pah, der Typ, ich habs ja immer gewusst. So in etwa. Dann, und jetzt komme ich endlich zum Punkt, sagt mir mein Herz – ausgerechnet mein Herz, dass ich mal wieder runterkommen sollte von meinem hohen Ross und dass die Leute, die „verena fkk“ bei Google gesucht haben, wahrscheinlich das aktuelle Playmate meinen. Miss Juni heißt wohl auch Verena und hat bei einem Nackt-Shooting irgendwas über FKK-Badestrände gesagt. Also, ähm, also… war gar nicht ich gemeint?!? Keiner meiner Kollegen wollte wissen, ob es von mir im Netz FKK-Fotos vom letzten Sommer am Scharmützelsee gibt! Niemand!!! Ich spürte, wie die Enttäuschung durch meine Adern strömte. Dabei hatte ich mich doch schon so schön echauffiert! Und meine ganzen Verdächtigungen! Alles umsonst! Alles für die Katz! Niemand wollte mich nackt sehen. Kein einziger Kollege! So eine Unverschämtheit!!!

In der folgenden Nacht plagte mich zur Strafe ein bitterlicher Alptraum. Ich träumte, dass ich sauer, ja richtiggehend eingeschnappt, zu dem Event gehe, jedoch unbekleidet, nur mit einem Blauen Turnbeutel in der Hand. Die Kollegen sehen mich aus der Ferne. Alle schauen auf mich. Ich. Nackig. Meine Finger um den Dederon-Henkel gekrallt. Trotzig gehe ich schnurstracks weiter auf sie zu. Jeder staunt! Sie machen „aaahhh“ und „oooooh“ und laufen mir entgegen. Und auf einmal haben alle nur Augen für: MEINEN BLAUEN TURNBEUTEL!

Toll!“, rufen sie, „wo haste bloß dieses heiße Ost-Produkt her? Grandios! Der ist ja einfach unglaublich!“ Keine Sau nimmt von meiner Nacktheit Notiz, es war so was von kafkaesk! Bevor ich sagen konnte: Aber, seht ihr denn nicht, dass ich nichts anhabe?, erwachte ich. Schweißgebadet. Die ganzen Laken waren klamm. Von meinem Scheiß-Schweiß! Was ich aus der Sache gelernt habe? Dass ich gar nicht so wichtig bin, wie ich immer denke und dass mir Freud nach wie vor egal bleibt, aber dass ich wirklich den blauen Turnbeutel nicht in die Altkleidersammlung hätte pfeffern sollen. Tja. Das war ein Fehler!

Verena Maria Dittrich

Was Träume einem über sich selbst verraten, will ich gar nicht wissen!

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