Vier Jahrzehnte ohne den kleinen Drachen

Die Legende Bruce Lee

Von Verena Maria Dittrich

Bis heute ist er fester Bestandteil der Popkultur: Bruce Lee. Dabei haben die wenigsten Menschen auch nur einen echten Film der weltberühmten Kampfsport-Ikone gesehen, die mehr war als nur ein chinesischer Kung-Fu-Kämpfer.

In den 70er Jahren zog eine gigantische Martial-Arts-Film-Flut durch die asiatischen, amerikanischen und europäischen Kinos, deren Auswirkung bis in die heutige Kinolandschaft spürbar ist. Auslöser dieses Kampfsport-Tsunamis war ein 1,71 Meter kleiner Chinese namens Lee Jun-fan, besser bekannt als Bruce Lee. Als Lee starb, war er gerade einmal 32 Jahre alt. Diese kurze Zeit genügte dem 1940 – im Jahr des Drachens – Geborenen, um der Welt des Kampfsports und dem Filmgenre der Martial-Arts weit über seine Generation hinaus, seinen Stempel aufzudrücken. Vor ihm gab es nichts Vergleichbares, nach ihm wagten nur wenige den Versuch, seinen Spuren zu folgen.

Bruce Lee war ein Phänomen, ein Perfektionist, ein Philosoph, ein Getriebener. Er zwang seinen Körper an die physischen Grenzen, bereit, jeden Preis dafür zu zahlen. Am 20. Juli 1973, sechs Tage vor der Premiere von „Der Mann mit der Todeskralle“ (Enter The Dragon), jenem Film, der ihn über die Grenzen Chinas hinaus zur weltweiten Kampfsport-Ikone machte, war dieser Preis sein eigenes Leben. Auf den frühen Tod des in China bereits zu Lebzeiten als Idol gefeierten Stars folgte posthum der Ruhm in den USA und in Europa. Die Legende Bruce Lee war geboren.

Lee war kein Heiliger, er galt gelegentlich als arrogant, überheblich und stur. Aber warum soll man sich über Ikonen streiten? Der kleine Drache, ein Beiname, den er als Kinderdarsteller erhielt, sah seinen Weg klar vor sich: Er wollte verkrustete Traditionen und Ansichten aufbrechen, die westliche und östliche Kultur verbinden, die Kampfkunst im Film und im Sport revolutionieren. Er entwickelte sogar seinen eigenen Kampfstil: Jeet Kune Do (Weg der abgefangenen Faust).

Von frühester Kindheit an war Lee der Wing-Chun-Kampfkunst (Ode an den Frühling) verhaftet, doch dieser Ansatz war ihm nicht genug. Warum nicht westliches und chinesisches Boxen, Jiu Jitsu, Fechten und sogar Tanzen miteinander verbinden? Warum sich nicht auf die Quintessenz konzentrieren und das Überflüssige weglassen? Kampfkunst als Minimalismus – dieser Ansatz brachte ihm nicht nur Freunde. Man warf ihm Verrat an der chinesischen Tradition vor. Doch Lee ließ sich nicht verbiegen. Und der Erfolg gab ihm Recht.

Vom Cha Cha Cha in Hongkong zur Grünen Hornisse

Lees Jugend in der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong, war – abgesehen von Erfolgen wie dem Sieg der Cha-Cha-Cha-Meisterschaft von 1958 – von der Leidenschaft für Kampfkunst, Bandenschlägereien, Mädchen-Geschichten und Ärger mit den örtlichen Autoritäten geprägt. Diese gipfelten darin, dass sein Vater ihn 18-jährig zu einem Bekannten in die USA schickte.

Lees Mutter hielt sich zum Zeitpunkt seiner Geburt, wegen eines Gastspiels seines Schauspiel-Vaters an der chinesischen Oper von San Francisco, in den Staaten auf. Deswegen besaß Lee auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Durch Kampfsport-Institute, die er während seiner Jahre in den Staaten gründete, und öffentliche Darbietungen zum Thema Kampfkunst, geriet Lee ins Blickfeld von Fernsehproduzenten. Diese Kontakte waren sein Ticket nach Hollywood. Er bekam den Part des Kung-Fu kämpfenden Chauffeurs Kato in der Serie „Die grüne Hornisse“ (The Green Hornet), die in Lees Heimat nur als „The Kato Show“ ausgestrahlt wurde und zum Fundament seiner Schauspielkarriere werden sollte. Filmstars wie James Coburn und Steve McQueen, die bei Lee Kampfunterricht nahmen, verhalfen ihm zu weiteren Angeboten, die seine Ambitionen jedoch nie vollends befriedigten. Hollywood erwies sich für den jungen Chinesen als Sackgasse.

„The Big Boss“ oder „Die Todesfaust des Cheng Li“

In den Videotheken der 80er und 90er Jahre tummelten sich hunderte von Kung-Fu-Filmen, auf deren Cover der Name Bruce Lee stand. Auch heute findet man im Handel DVDs, die einem Bruce Lee als Titelhelden versprechen. Das Kuriose ist: In keinem dieser Werke spielt die Kampfkunst-Ikone mit. Die meisten dieser Filme entstanden Jahre nach seinem Tod. Abgesehen von TV-Auftritten, kleinen Nebenrollen und dem ebenfalls nach Lees Tod fertiggestellten Film „Mein letzter Kampf“ (Game of Death), in dem er lediglich in einigen Kampfszenen zu sehen ist, gibt es nur vier echte Bruce-Lee-Filme.

Filme waren aus Lees Sicht das ideale Medium, um der Welt die Kultur der chinesischen Kampfkunst zu präsentieren. 1971 versuchte er, im asiatischen Filmmarkt Fuß zu fassen. Man bot ihm die Hauptrolle in „Die Todesfaust des Cheng Li“ (The Big Boss) an. Der Film wurde in Asien ein Riesen-Erfolg und der Drache betrat langsam die Bühne der Welt. Es folgten „Todesgrüße aus Shanghai“ (Fist of Fury) und „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ (Way of the Dragon), bei dem Lee Hauptrolle, Produktion, Drehbuch, Choreografie und Regie übernahm. Der Finalkampf von „Way of the Dragon“ im Colosseum in Rom zwischen Bruce Lee und Chuck Norris ist Kinogeschichte. Lees Filme brachen in seiner Heimat alle Kassenrekorde. Hollywood klopfte wieder an seine Tür.

Der Weg des Drachen ist zu Ende

Lees langersehnte Anerkennung in Hollywood fand in der chinesisch-amerikanischen Koproduktion „Der Mann mit der Todeskralle“ (Enter the Dragon) endlich seine Erfüllung. Der Olymp war zum Greifen nah. Die Premiere seines größten Erfolges sollte er jedoch schon nicht mehr erleben. Der Weg des Mannes, der die Kampfkunst weltweit populär machte, endete auf halber Strecke. Der Kampfsport und das Genre der Martial-Arts-Filme mussten sich fortan an seinem Standard messen. Man kann nur erahnen, welches Erbe er hinterlassen hätte, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre. (weiter auf n-tv.de)

Vier Jahrzehnte ohne den kleinen Drachen Die Legende Bruce Lee Von Verena Maria Dittrich

Hommage am 20.7. 2013 auf n-tv: Vier Jahrzehnte ohne den kleinen Drachen
Die Legende Bruce Lee
Von Verena Maria Dittrich
(Mit großem Dank an Thomas Stechert)

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