Auf Wiedersehen, Vater!

An seinem 61. Geburtstag nervte ich meinen Vater wieder mit einer meiner vielen, oft blöden Fragen. Ich wollte dieses Mal wissen, was er sich wünsche, wenn er nur einen einzigen Wunsch frei hätte. Wir saßen gerade vorm Aldi und warteten auf meine Mutter, die Kuchen und zwei Bier kaufte. Mein Vater schaute in den Himmel und sagte: „nicht siebzig zu werden“. Lange wollte ich die immer vorhandene, stetig wachsende Todessehnsucht meines Vaters nicht akzeptieren und kämpfte mit naiven Mitteln dagegen an. „Das Leben kann so schön sein, Papa“, sagte ich dann meist etwas dämlich. Aber für meinen Vater war das Leben nicht schön. Er war traurig. Immer schon. Und später, als er älter wurde, haben die Ärzte ihm diese und jene schwere Depression, Psychose und neumodische Nervosität attestiert und ihm alle möglichen Pillen verschrieben. Dazu kam die Verzweiflung der anderen: „Aber du hast doch eine Familie, die dich liebt!“ Mein Vater lächelte dann und sagte was Freches. Das tat er stets auf seine ganz eigene rotzig-witzige, ironische Art und alle lachten sich darüber kaputt. Auch Vater.

Ostersonntag waren wir, nach Jahren, wieder in der heiligen Messe. Ich glaube, er war darüber irgendwie froh. Vater war der traurigste Mensch, den ich kenne und derjenige, der mich gleichzeitig damit am allermeisten geprägt hat. Vater war ein eingerosteter, stummer Revoluzzer, ein kaffeetrinkender trockener Alkoholiker und ein Christ, der Kirchen meistens mied. Ich habe so viel von ihm, ohne, dass es mir als Kind bewusst war oder, dass mich diese heitere Dialektik heute mit Stolz erfüllt: die große Rotzigkeit gegen jedwede Autoritäten, meinen Freiheitsdrang und die stete Stimmung, am liebsten jetzt, sofort und auf der Stelle eine Revolution anzuzetteln. Aber ich hab auch seine traurige Seele, die Melancholie und den schweren Hang zum Lethargischen und allerlei Süchten. Früher schürte der Tod eines Elternteils in mir maximale Angst. Aber jetzt ist meine Kehle nur noch von den Bildern der letzten Momente zugeschnürt. Das Atmen wird mir, so bin ich sicher, irgendwann leichter fallen.

Das Schicksal meines Vaters sorgte in mir von klein auf für einen emotionalen Ausnahmezustand, der mich jedoch, anders als ihn, lebenshungrig machte. Es ist nicht so, dass ich mich in dieser Welt – gerade jetzt –  wohlfühle, aber ich komme, nüchtern betrachtet, gut zurecht. Ich falle auch nicht aus allen Wolken, wenn die Dinge um mich herum zerbröckeln und kaputtgehen. Auch das habe ich von ihm. Und ich fühle mich damit sehr, sehr stark.

Vielleicht hätte ich ihn zum Abschied noch einmal drücken sollen. Aber wir winkten uns nur zu und sagten „Tschüss“, wie wir das immer taten und Vater winkte, wie jedes Mal, mit links. Das sah unheimlich witzig aus, denn er hatte sich nach einem Sauf-Unfall die Sehne des kleinen Fingers verletzt, der fortan schief und krumm blieb.

Am frühen Morgen des 22. August 2013 fand mein Vater seinen Frieden. Ich schloss seine Augen und gab ihm  Küsse auf Stirn und Wange. Er wurde, geboren in der Frühe eines 17. Septembertages,  65 Jahre alt. Es war ein guter Tod.

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Vater in den Siebzigern. Er hat stets geschworen, dass der Bart nicht mit schwarzer Schuhcreme nachbehandelt wurde.

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Vater und ich auf dem Weg in die Kaufhalle.

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Vater in seiner geliebten Lederweste und mit seinem damals noch geliebten Bier.

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„Der optisch deutlich vorgealterte Patient“:  Vater mit 62.

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Vater, schon schwer krank & ich: Eines der letzten, gemeinsamen, mickrigen Bilder.

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