„nüscht zu lachen…“

In meiner Familie herrscht – ohne, dass es böse gemeint ist – oft ein rauer Ton. „Sabbeln wie einem die Gusche gewachsen ist“ nennt Mutter das. Ich glaube, das haben wir von meinem Vater. Er ist vor 35 Tagen gegangen. Und in den ersten Tagen fühlte es sich an, als sei man selbst ein Stück gestorben. Wie banal das klingt, beinahe lächerlich.

Wie Maschinen traten wir Behördengänge an, schlossen Vaters Konten, schrieben Verträge um, beendeten Abos. Wir taten, was getan werden muss, wir jammerten nicht, zum Jammern war keine Zeit. Vater hielt vom Jammern ohnehin wenig. Zwischenzeitlich, dann, wenn man keine Luft mehr zum Durchatmen hatte, wenn man dachte, er kommt jeden Moment vom Bäcker zurück, hat man kurz darüber nachgedacht, sich schon am Morgen voll laufen zu lassen, um die Ohnmacht gegen eine andere einzutauschen. Wenn man aber ehrlich ist, muss man sich eingestehen, dass man richtig angepisst ist, weil, man kann ja nicht sagen, man hätte es nicht versucht, nicht vor fremden Leuten zu heulen. Ist mir doch wurscht, was die denken, sagt man sich dann, ich kenn die nicht, die kennen mich nicht, was soll’s?

Egoismus ist ein guter Trostspender. Nicht an Vater denken, nicht an die Beerdigung denken, nicht über Sargausstattungen und Totenhemden, Grabkränze und Sprüche, Annoncen und Urnenschmuck grübeln, sondern sich sagen, dass man ein Recht auf seine eigene Scheiß-Trauer hat. So lange sie dauert. Ob bis morgen oder bis nächstes Jahr. Oder für immer. 

Und mitten in dieser Traurigkeit, erinnern wir uns an Vaters Ruppigkeit, die nun, da er fort ist, auf Mutter übergegangen zu sein scheint. Beim Sortieren der Fotoalben fragt sie mich: „Sach‘ ma‘, wie siehts’n bei dir mit Heiraten aus? Wird langsam Zeit. Papa hätte dich, alte Jungfer, gar nicht mehr genommen!“ „Na, hör mal!“, sage ich, „die Zeiten haben sich eben geändert“. Mutter kramt ein Hochzeitsfoto hervor. „Guck mal“, sagt sie, „Opa hat vor der Hochzeit warnend zu mir gesagt: „Überleg es dir gut, Kind, als Ehefrau haste nüscht zu lachen!“ Und dann müssen wir laut kichern, Mutter – wie 1972 – und ich, und alles ist wie immer, alles ist gut. Alles ist gut.

Johannes Antonius 7

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