Nicht koscher

Mit einem älteren Mann heute im neuen Bio-Markt an der Ecke ins Gespräch gekommen. Vermutlich wohl ein wenig zu laut über Bio-Verarsche und Lebensmittelskandale gesprochen. Alle konnten uns hören, die Kassiererin und natürlich auch die Kunden. Der Filial-Leiter wurde alarmiert, zornig kam er aus seinem Kabuff und sagte, dass wir unser Gespräch gern fortführen könnten, draußen, vor der Tür. Provokant ließ der ältere Mann daraufhin eine Schachtel Eier fallen und drohte, eine weitere Packung dem Filial-Leiter an die Stirn zu werfen. „Glückliche Hühner?“, ruft er und lacht verächtlich. Ich erschrecke mich ein bisschen. Der Filial-Leiter droht, die Polizei zu rufen. Ich fange laut an zu lachen. Ein Familienvater mit Kinderwagen sieht mich an und schüttelt den Kopf, er schnalzt so komisch mit der Zunge, ich habe fast Angst, dass er mich anspucken will. Aber warum soll er mich anspucken wollen? Völlig verrückt. Ich lache wieder.

„Die machen Randale in unserem schönen Bio-Markt“, sagt eine Kundin zu einer anderen, die nicht mitbekommen hat, dass schon eine Packung Eier zu Bruch gegangen ist. Mein Gesprächspartner holt jetzt die Eier einzeln aus der Verpackung und beginnt, sie im Bio-Markt umher zu werfen. „Norden, Osten, Süden…“ brüllt er. Und dann: „Westen, Westen, Westen.“ Ab jetzt fliegt jedes Ei nur noch in eine Richtung. Bis die Packung leer ist. Ich amüsiere mich köstlich. Mütter sind empört. Manche fotografieren mich ungefragt. Eine sagt: „Schau mal, die dumme Kuh“, eine andere schimpft: „die sind doch nicht koscher“. Ich nehme nun ein Ei und zerschlage es auf dem Mantel des Mannes. Der lacht sich kaputt. Und wirft mich mit einem Ruck auf das sorgfältig arrangierte verlogene Gemüse. Mir gefällts, ich suhle mich zwischen Rettichen und Tomaten. Der Mann hilft mir wieder hoch und wir verlassen den Bio-Markt. Und lachen. Und grölen. Und freuen uns.

Vorne an der Ecke sehen wir eine neu eröffnete Bank-Filiale. Rote Luftballons am Eingang. Jetzt drehen wir richtig durch. „Verbrecher“, sagt der Mann. „Dreiste Diebe“, ergänze ich und fuchtele wie wild mit einer leeren Eierpackung herum, die ich aus meiner Manteltasche zaubere. Der Mann sagt, er müsse pinkeln. Bis zum Teppich im Kassenraum der Bank hält er es aber aus. Ich lache. Und freue mich. Und lache wieder. Und erkenne meinen Vater. Wir grinsen uns an, sagen aber nichts, außer Vater ein Wort: „endlich“.  Dann ein Bruch: T. schüttelt mich unaufhörlich. „Du lachst im Schlaf, das klingt ziemlich irre!“, sagt er. Ich lache nicht mehr. Ich muss aufs Klo. Und mache mir einen Tee. Der Morgen dämmert als ich mich wieder hinlege. Während ich langsam noch einmal einschlafe, hoffe ich, dass Vater zur Bank allein weiter ist. Und sie den Teppich neu verlegen müssen. …Und wir uns bald wiedersehen. Im Traum. Oder im Bio-Markt. Oder woanders.

Traum

 

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