GMNT: „On the edge oder over the edge“ – Das ist hier die Frage!

Nach acht „Next Topmodels“, bei denen die internationale Karriere immer noch auf sich warten lässt, wird jetzt Nummer Neun gesucht. Deutschlands Exportschlager Heidi Klum schart erneut hübsche und vor allem junge „Määäädchen“ um sich und mimt die Patriarchin.
Germany's Next Top Model Die Fleischshow geht in die neunte Runde Von Verena Maria Dittrich

Germany’s Next Top Model
Die Fleischshow geht in die neunte Runde / Meister Wolle findet Annas Look great.

„Öffne deinen Mund etwas und gib mir mehr“, animiert der Fotograf, der schon ein Cover für „Daft Punk“ knipsen durfte und natürlich jede Menge internationale Aufträge vorweisen kann, sein scheues Gegenüber. Die 17-jährige Anna steht halbnackt in ihrem Badedress am Rande eines Pools und blickt so lasziv, wie es einem Mädchen ihres Alters eben möglich ist. Heidi Klum, am Rande der Szenerie auf und ab staksend, ruft: „Toll, great und nicht zu edgy „. Eine Kombination aus Fremdschämen und lolitahafter Pornografie erfüllt den Fernsehbildschirm. Willkommen bei ProSiebens „Germany’s Next Topmodel“ by Heidi Klum.

Germany's Next Top Model TV-Kritik von Verena Maria Dittrich

Germany’s Next Top Model TV-Kritik von Verena Maria Dittrich

Das hübsche Zahnspangen-Mädchen Anna, mit den Elfenohren sagt über sich selbst, dass die Kamera sie liebt. Die 1,81 Meter große Ostfriesin, die auch im knappen Bikini überzeugt, kriegt zwar den Mund nicht richtig zu, aber das ist nicht so ein gravierendes Problem. Jedenfalls nicht so gravierend wie die tollen „Boobs“ von Lisa, die leider in Konkurrenz zu ihrem Kopf stehen. „Du hast zwar eine tolle Oberweite, aber zu viel Lidstrich“, sagt Modedesigner und Fashion-Experte Wolfgang Joop. Und der muss es ja schließlich wissen, denn er mischt bereits jahrzehntelang das Model-Business auf. Hatte der Mode-Guru das Format von Heidis „Next Topmodel“ einst scharf kritisiert, scheint er nun seinen Frieden mit der Show gemacht zu haben, denn „der Wolle“ ist in Staffel neun Teil der dreiköpfigen Jury. Mittelpunkt ist selbstredend wie immer die Heidi, flankiert von Creative Director Thomas Hayo, der seit der sechsten Staffel seine hochqualifizierten Kommentare zum Besten geben darf: „Das geht so nicht, ihr fehlt einfach die jugendliche Attitude“.

Von 15.000 Mädchen, die sich beworben hatten, wurden 70 Girls zum Casting, Schaulaufen, menschlichen Viehmarkt – oder wie immer man es nennen möchte – eingeladen. Einige der süßen kleinen Top-Models in spe durften nach einem kurzen Blick der Jury auf ihre Außenhülle gleich wieder abwackeln, ohne auch nur die geringste Performance abgeliefert zu haben. Dies führte natürlich zu tränenreichen Szenen.

„On the edge oder over the edge“ – Das ist hier die Frage!

Der Weg zum „Topmodel“ führt über viel Leid und extreme Opfer, aber jeder ist ein Schelm, der denkt, dass Model-Mama Heidi und ihre Juroren-Kollegen die Küken mit Samthandschuhen anfassen. Was Pferdemädchen Imme vom Immenhof auch mit der sanften, aber direkten Aussage: „Du kommst leider nicht weiter, du bist uns too much fairytale“ zu spüren bekam. „Fury“ wird sie sicher trösten.

Germany's Next Top Model

Prêt-à-porter-Urgestein Wolle ließ es sich nicht nehmen, mit seinem Zeichentalent zu prahlen, wobei er das eine oder andere Möchtegern-Topmodel gleich auf seinem Malblock verewigte. Nicht ohne zu erwähnen, dass seine Zeichnungen in Museen herumhängen und seine Porträts mit zu den besten überhaupt gehören. Die schnuckelige Ellen bekam zwar kein „Gemälde“, dafür aber einen guten Rat des Meisters: „Du hast zwar schöne Beine, dennoch bist du eine Beauty, die besser zu Hause aufgehoben ist.“ Es ist wahrlich nicht leicht, die Schönsten unter den Schönen zu entdecken. Findet die Heidi übrigens auch.

Happy Heimkinder und Döner mit Zwiebeln

Bei Heimkind Betty war die geschlossene Jury schnell einer Meinung. Alle fanden sie „super cute“. Heidi, die Betty in ihrem Heim persönlich überraschte und von der Einladung nach Berlin erzählte, war auch ganz angetan davon, wie wohl sich das Mädchen in ihrer Wohnsituation fühlt. „Herrlich.“ Betty wurden sofort als Zeichen der Teilnahme an der nächsten Runde, die alle zum ersten richtigen Foto-Shooting nach Singapur führen sollte, zwei rosa Märchen-Schuhe ausgehändigt.

Mädels, die zu dünn waren, hatten auch keine Chance, denn wer will schon dürre Models? Die Heidi auf keinen Fall. Und deswegen war das Thema Essen, abgesehen von den superschlanken Mädchenkörpern, auch Klums Lieblings-Gegenstand in der ersten Ausstrahlung von „Germany’s Next Topmodel“: Heidi beim Catering, Heidi beim Döner-Kauf, Heidi beim Schnabulieren. Ja, es kommt eben, laut Heidi, nur auf die richtige Mischung an, die da wäre: „auf jeden Fall was mit ganz viel Zwiebeln“.

Von 70 Grazien, die sich persönlich vorstellen und zeigen durften, blieben schlussendlich nur 25 übrig. Und zwar nur solche, die „on the edge“ waren, alle die „over the edge“ waren, konnten sich weinend in die Arme ihrer anwesenden Familienmitglieder flüchten.

„Ist Singapur ein Land? Gibt’s in Asien überhaupt Länder?“

In Singapur, einem Stadtstaat in Südostasien, von dem nicht ganz klar war, wo er eigentlich liegt und ob es in Asien überhaupt Länder gibt, begann das Spektakel aufs Neue. Foto-Shooting, erster Zickenalarm, Laufsteg-Training und Heidis leicht sinnfreie, aus dem Off eingesprochenen Texte, gingen in die nächste Runde.

Mode-Schöpfer Joop hatte sich für den zweiten Part ganz ausgeklinkt, da er offenbar Wichtigeres zu tun hatte. Nathalie, die „schon in Mailand gemodelt“ hatte, wurde nicht müde zu erwähnen, dass sie „schon mal in Mailand gemodelt“ hatte und irgendwie bekam man als Zuschauer dann tatsächlich auch wirklich das Gefühl, dass die Nathalie bestimmt auch „schon mal in Mailand gemodelt“ haben muss.

Kosmetikerin Lisa, die bereits bei der ersten Sichtung in Berlin ihre Extensions entfernen musste und die Jury noch nicht ganz flashte, konnte beim Pool-Shooting vollends überzeugen und kam somit ihrem Traum ein ganzes Stück näher: „Ich will auf die großen Laufstegs und ich will, dass alle auf mich hinaufblicken“.

„Schuhe, die nicht passen, sind unpassend“

Mutter Nancy, die ihren zweijährigen Sohn in Deutschland bei Papa gelassen hatte, stellte fest, dass das Singapur-Hotel der Mädchen und alles drumherum „genau ihr Ding“ sei. Nach einer Nacht der Furcht, dass ihr Bauch-Tattoo bei der Bikini-Session am Pool das Ende ihres Traums bedeuten könnte, wurde sie von Heidi beruhigt, denn Körperbemalungen in der Modeszene sind inzwischen total normal. Glück gehabt.

Nachdem die nubische Schönheit Aminata und Konkurrentin Lederhosen-Franzi sich beim Thema Rassendiskriminierung etwas uneins waren und Mailand-Nathalie darüber schwadronierte, dass „Schuhe, die einem nicht passen, unpassend sind“, war der Zenit der Sendung überschritten. Nach dem gefühlt hundertsten posenden Mädchenkörper wurden einige der Girls morgens im Bett mit Fotos ihres Konterfeis beglückt, andere in gewohnter Manier jedoch nicht.

Spaß bei der Arbeit - so sieht's aus, wenn Hayo und Klum ackern.

Spaß bei der Arbeit – so sieht’s aus, wenn Hayo und Klum ackern.

In der Vorschau zur nächsten Folge musste der TV-Zuschauer dann noch mit ansehen, dass, wie Jury-Kollege Hayo entsetzt feststellte, „auch eine Heidi Klum nicht unverwundbar ist“. Notaufnahme. Schüttelfrost. 40 Grad Fieber. Ganz großes Kino. Bleibt zu hoffen, dass Model-Mutti Heidi schnell wieder auf ihren High Heels ist, damit es auch in der nächsten Woche wieder heißen kann: „ich habe heute leider kein Foto für dich“.

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