Gallseife mit pürierter Trauer

Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, das mit der Trauer käme immer erst später. Im vergangenen Jahr starb mein Vater. Ich will mich nicht in Details über sein Leben oder seinen Tod verlieren, ich wusste, dass er eines Tages sterben würde, wie wir eben alle eines Tages sterben werden. Hin und wieder habe ich versucht, mich mit dem Tod auseinander zu setzen, aber meist macht man das entweder, wenn man betrunken ist oder nachts, wenn man wach im Bette liegt und nicht einschlafen kann. Und dann durchlebt man in seinen Vorstellungen die dunkelsten Szenen, ein imaginäres, selbst inszeniertes Horrorszenario. Allein der Gedanke, dass ein Elternteil früh sterben könnte, lässt das Herz nervös zucken und die Herzklappen unregelmäßig arbeiten. Irgendwann pennt man über der Grübelei ein und begräbt den Tod mit seinen Träumen.

Bevor mein Vater starb, sagte er, dass er keinen Grabstein wolle, die Grabsteine würden mit der Zeit ohnehin locker und umfallen, und sowieso sei dieses ganzes Gewese um die deutsche Bestattungskultur ein riesengroßes Tohuwabohu, das ihn nerve. Er wünsche sich lediglich, auf einer grünen Wiese beerdigt zu werden, ohne Schnickschnack, ohne Grabstein, ohne Tamtam. Im Herbst würden die Blätter von den müden Bäumen auf ihn fallen und im Winter der Schnee.

Wir beerdigten Vater an einem verregneten Septembertag. Er hatte im September eigentlich immer Geburtstag. Sein Tod liegt jetzt 233 Tage zurück. Und am Sonntag, ja an einem stinknormalen Sonntag ist sie geschehen: die Sache mit der richtigen, tiefen, so fürchterlich tiefen Trauer. Sie hat mich ohne Vorankündigung von hinten gepackt und in den Würgegriff genommen. Nicht mehr losgelassen hat sie mich, ganz so, als wolle sich mich umbringen, dieses heimtückische Mistvieh. Ich war so erschrocken und hatte gleichzeitig so eine Scheißwut auf sie, so eine verdammte Scheißwut. Wenn ich eines in meinem Leben aufs Tiefste hasse – und hassen ist so ein böses Wort – dann ist es Heimtücke.

Mutter sagte: „Morgen gehen wir mal auf den Friedhof und setzen uns auf die Bank vor Vaters Wiese. Sie sieht jetzt prächtig aus, weißt du, alles ist voller Narzissen und Frühblüher. Es sieht dort aus wie in einem wilden Garten.“

Am Abend zuvor dachte ich, dass ich beim Joggen doch schon einmal einen kleinen Abstecher zu Vaters Wiesengrab machen könnte, denn mit Mutter, ich weiß ja wie das ist, kann es von der einen auf die andere Sekunde plötzlich heikel werden. Man muss sich an einem schönen Frühlingstag ja auch nicht gegenseitig voll heulen. Also joggte ich bis zum Friedhof. Laut Anzeige auf dem Schrittezähler sind es von der elterlichen Platte bis zum Friedhofsgatter exakt 4774 Schritte. Japsend streifte ich mir die helle Strickjacke von den Schultern, band mir das Haar neu zusammen und ging durch das kleine gusseiserne Tor, vorbei am Denkmal für den gefallenen sowjetischen Soldaten, vorbei an der Backsteinkapelle, vorbei an dem kleinen Obelisken, dann einmal nach links und nach etwa hundert Metern wieder rechts. Doch dort stand keine Bank! Und dort war auch die Markierung nicht mehr, die ich mir an Vaters Beerdigung extra gemacht hatte. Vaters Wiese war das nicht, Vaters Grab nicht an der Stelle, an der ich es erwartet hatte. Ruhig ging ich zurück zum Friedhofstor. Alles auf Anfang, vorbei am Obelisken, links, wieder rechts. Nichts! Falsch, falsch, beschissen nochmal nicht richtig. Ich merke, wie ich mich zusammenreißen muss, nicht über den kompletten Friedhof zu fluchen.

Inzwischen wird es dunkel. Ich haste durch die einzelnen, verschiedenen Gänge, Grabsteine mit goldener Schrift, kursive Namen, Sütterlin, Selma Morgentau, Hans Zimmermann, Elsa Kümmert, Norbert Blume, hier ruht in Gott, Unvergessen, Anneliese, Elisabeth, Gertrud.

Fluchen. Verdammte Scheiße. Dann Hoffen. Das Ganze immer wieder im Wechsel, da lang, ja, genau, da lang, ich renne, ich jage verirrt durch ein von Grabsteinen gesäumtes Labyrinth, die Bäume werfen längst lange Schatten, sie lachen mich inzwischen aus, diese verfickten Bäume feixen. „da ist sie ja schon wieder“, höre ich sie im Wind zischen, „wie blöd ist die eigentlich, eine Wiese nicht von einer Wiese unterscheiden zu können, hier ist schließlich nicht Père Lachaise, die muss doch besoffen sein…“ Ich lache laut auf. Als könne ich die Bäume damit beeindrucken und sie so spüren lassen, dass ich sie verdammt nochmal hören kann. Dabei heule ich. Ja, ich heule, lächerlich, einfach lächerlich. Der Rotz läuft mir über die Lippen, meine Augen brennen von der verschmierten, billigen Wimperntusche. Vaters Grab ist fort, Vaters Wiese ist fort, Vater ist fort. Mir wird schlecht, richtig schlecht, speiübel, ich kriege keine Luft mehr, meine Nase ist zu, meine Kehle ist zu, ich huste, ich huste mich bestimmt gleich tot. Gekrümmt kotze ich über den kleinen, eingezäunten Komposthaufen. Und beginne nun die gesamte Situation als vollkommen absurd zu empfinden, ich bin lächerlich, dass ich mich verirrt habe, ist schier die Spitze der Lächerlichkeit, was ich hier tue, einfach nur noch jämmerlich lächerlich, der Tod – ein Witz!

Ich lache ihn aus, diesen Scheiß-Tod. Soll er doch kommen und mich holen, ich würde ihm in seine Scheiß-Visage brüllen, was ich von ihm halte. Die Bäume amüsieren sich wieder, der gesamte Friedhof lacht mich jetzt aus, ja, endlich gibt’s hier mal was zu lachen, ich – der dämliche Trottel, der wie ein Blinder im Kreis herumrennt. Meine Gegenwart sorgt anscheinend für gute Stimmung.

Als ich gerade wieder fluchen will, gehe ich zu Boden. Die Trauer hat mir in den Bauch getreten. Wo ist sie? Ich kann sie nicht sehen. So eine Made! Sie zeigt sich nicht. Meine Knie sacken weg, flennend liege ich vor einem fremden, frisch geharkten Grab. Die leicht aufgeworfene Erde riecht gesund. Ich atme jetzt nicht mehr, ich bin ganz ruhig, will vor Schmerz irgendetwas tun, mir die Erde ins heisere Maul stopfen, was weiß ich, irgendetwas tun eben. Nachdem die Trauer mich mundtot gemacht hat, stehe ich benebelt auf und laufe wie ein geprügelter Hund durch die Nacht. Vater ist fort, Vater ist fort, Mutter schläft schon, als ich heimkomme.

Ich gehe ins Bad. In der kleinen Schale auf dem Wachbecken liegt noch immer Vaters Handseife, Gallseife gegen Fahrradschmiere und Flecken, leicht durchsichtig, eine halb medizinische Drogerieseife eben. Sie ist eingetrocknet. Sie war eigentlich schon immer eingetrocknet. Als wäre sie nie benutzt worden. Langsam werde ich wieder großschnäuzig. Jetzt, wo ich wieder zuhause bin und mich sicher fühle, reiße ich in Gedanken gleich wieder meine Gusche auf und will mich mit der Trauer duellieren. Du kannst mich am Arsch lecken, sage ich angriffslustig.

Die verschwitzten Sachen vom Körper streifend, setze ich mich mit Vaters eingetrockneter Gallseife in der Hand in die Wanne und lasse Wasser ein. Die Seife betrachtend, lehne ich mich zurück. Ich finde, sie hat Ähnlichkeit mit Vater. Ihre Oberfläche ist porös, an den Seiten Narben und Furchen, quer durch die Mitte ein langer, tiefer Riss. Er ist so tief, dass man ihn ganz deutlich fühlen kann, ein Graben fast, eine tiefe, aber trockengelegte Wunde. Behutsam seife ich mich ein, die langsamen Bewegungen beruhigen mich, es ist jetzt fast friedlich. Die Seife wird weich und glatt, ihr Duft klettert mir in die Nase, lähmt ein bisschen meinen Geruchsinn. Mir ist das egal, ich rede mir ein, dass der Duft mir Schutz verleiht, während ich mir die nie zuvor so schmerzend empfundene Trauer von den gehetzten Gliedern wasche.

Am nächsten Vormittag sitze ich mit Mutter auf Vaters Wiese. Die Vögel zwitschern in den leisen Baumkronen. Es ist sonnig und warm. Mutter weint wider Erwarten nicht, sie ist vergnügt. Mit einem Male sagt sie: „Diesen Geruch kenne ich doch!“ Und ich sage: „ist die olle Gallseife von Vattern.“ Und Mutter entgegnet daraufhin ein bisschen belehrend: „Du, die is‘ aber eigentlich nur für Hände.“ Sie rümpft die Nase und rückt nun näher an mich heran. „Mal im Ernst jetzt, hast du die Seife gefressen oder was?“, fragt sie frech und kichert. Auch ich kichere jetzt und dann prusten wir richtig drauf los. Mitten auf dem Friedhof lachen wir uns über mich stinkenden Stinker kaputt. Wir kommen vom Hundertsten ins Tausendstel und spinnen herum, „Gallseife á la Creme Brulee“, sag ich, „Gallseife an Beelitzer Spargelplatte“, schlägt Mutter vor. Wir kommen auf immer mehr wildere, abgefahrenere Gallseifen-Kreationen. „Gallseife mit Kartoffelpüree, Gallseife mit pürierter Trauer gegen Traurigkeit, Gallseife zum Dessert…“ Dann sagt Mutter, dass Vater unser Verhalten überhaupt nicht witzig gefunden- und uns einen Vogel gezeigt hätte – auf dem Friedhof so herumzugrölen, also ehrlich, das gehört sich nicht. Aber wir können einfach nicht aufhören, wir lachen der Trauer heute mitten ins Gesicht. Als wir gehen, mache ich keine neue Markierung. Ich glaube, ich hab das jetzt begriffen, das mit der Trauer und dem Zulassen. Wenn sie mich das nächste Mal eiskalt erwischt, werde ich sie hereinbitten. Vielleicht biete ich ihr ein kleines Gallseifen-Schnäpschen an. Mal sehen.

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