365 Tage

Oh Vater, 365 Tage sind seit deinem Tod nun schon vergangen und ich habe fast vergessen, dass ich mich noch gewundert habe, weil es kein bisschen wehgetan hat, mit einer offenen Wunde am Herzen durch die Friedhofspforte zu gehen. Ein Abschied ohne große Worte. Mutter hatte erst überlegt, einen Redner zu bestellen, aber jedes Wort, das er gesagt hätte, wäre nur von schwachem Trost. Und im Grunde wollen wir auch keinen, weil du gar nicht wirklich gegangen bist.

Auf dem Schreibtisch standen noch Wochen später die Blumen, die du Mutter vom Aldi mitgebracht hast und für die sie dich noch angeschimpft hat, weil sie angeblich nichts taugen. Und auf der Sofalehne liegt immer noch das Buch, das du zuletzt gelesen hast, mit deiner Lesebrille zwischen den Seiten. Keiner räumt es weg. Hinter den Sofakissen versteckt, dein brauner Geldbeutel, zehn Euro darin und ein Foto von Mutter aus den Achtzigern mit wilder Frisur.

Als der kleine Trauerzug sich in Bewegung setzte, regnete es, wie im Film, in Strömen. Ich hatte eine Brille mit dunklen Gläsern auf der Nase und Mutter sah in ihrem schwarzen Kleid aus wie die Witwe eines Mafiabosses. Kurz flammte in mir die Hoffnung auf, dass das vielleicht gar nicht das echte Leben sein könnte, doch dann spielte hinter den Grabsteinen der Trompeter deine Musik und man wusste sofort: das ist unser Leben. Das alte neue Leben nach deinem Tod.

Ich hatte ein bisschen Sorge, dass Mutter für den Trompeter auch was Schnelles von den Beatles ausgesucht hat und wir allesamt vom Friedhofsgelände fliegen. Wegen Ruhestörung. Aber Mutter hat ein gutes Händchen für diese Dinge und der Trompeter trompetete sanft in den grauen Himmel. Als ich an deinem Grab stand, wünschte mir in diesem Moment, dass es einen Schlüssel gebe, den ich mit den Blütenblättern in die aufgeschüttete Erde werfen könnte.

Ich will dich nur einmal noch drücken, dachte ich, just in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass man Menschen im Herzen tragen, aber dort nicht einschließen kann. Ich will nur einmal noch Schauspieler-Namen mir dir erraten, nur einmal noch gegen dich beim Karten spielen verlieren, nur einmal noch deine Koteletten stutzen und hinterher von dir mordsmäßig angemeckert werden, weil sie so schief und krumm geworden sind, nur einmal noch im Armdrücken mein Bestes geben, nur einmal noch inbrünstig mit dir streiten und uns totlachen, wer von uns beiden die besseren Kraftausdrücke parat hat – Satan, Himmel, Arsch und Zwirn!

Ich will nur einmal noch nicht einschlafen können, weil dein Schnarchen über alle Flure tönt, nur einmal noch wegen deines schrecklich miesen Kaffees ein Fass aufmachen, nur einmal noch deine Kekse klauen, und dein Parfüm, deine Lederweste, deine angesparte Kohle aus dem Goldfischglas. Nur einmal noch von dir wegen Stromverschwendung zurechtgewiesen werden oder wegen eines schlechten Buches, das ich geschrieben habe. Nur einmal noch am Fenster winken, einschlafen, aufwachen, Linsen mit dir essen.

Ich hab mich nicht verabschiedet, weil ich mich nicht verabschieden muss, weil du da bleibst, ganz ohne blöden Schlüssel. Ich muss nur aufpassen, dass ich regelmäßig ein und ausatme, wenn ich dich wieder mal in fremden Menschen erkenne. Und dass ich mich nicht am Leben verschlucke, wenn ich über deinen Tod nachdenke.

Ein Jahr ohne dich, im Hintergrund spielt heute den ganzen Tag John Lennon.

Vater, Anfang der 80iger, Silower Landstraße, Cottbus

Vater, Anfang der 80iger, Silower Landstraße, Cottbus

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