Oscars 2017: Wie im falschen Film


Ein paar Spitzen gegen Trump, eine verwirrte Busgruppe und Michael J. Fox, der trotz schwerer Krankheit Lebensfreude versprüht – das war die 89. Oscarverleihung. Eigentlich. Dann aber kam Warren Beatty und haute alle aus den Socken.

Der Knaller der diesjährigen Oscarverleihung kommt ganz am Schluss, als alle Oscars bis auf einen – der für den „besten Film“ – bereits verliehen sind. Die Laudatoren Faye Dunaway und Warren Beatty betreten elegant die Bühne: „And the Oscar goes to …: La La Land.“ Freude, oh welch‘ Freude! Der gesamte Cast und die Produzenten halten stolz die goldenen Trophäen in den Händen, die Dankesreden sind schon fast beendet, da entsteht plötzlich ein Riesen-Tumult auf der Bühne: Warren Beatty schaut verwirrt aus der Wäsche, ein Typ mit Headset flitzt planlos von links nach rechts durchs Bild – dann platzt die Bombe.

Erst „La La Land“, dann „Moonlight“

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Man hat sich vertan. Oscar-Gewinner des „besten Films“ ist nicht das Musical „La La Land“, sondern das Drama „Moonlight“. Fassungslosigkeit, Getuschel und bedröppelte Gesichter. Moderator Jimmy Kimmel übernimmt für diesen hollywoodreifen Fauxpas, den selbst ein Donald Trump nicht hätte besser inszenieren können (Stichwort: Alternative Fakten!) symbolisch die Verantwortung und verspricht, nie wieder eine Oscarverleihung zu moderieren.

Kimmel, der diesen Job zum ersten Mal macht, betont gleich zu Beginn der Show, „nicht der Mann zu sein, der die Nation vereint“. So spart er auch nicht mit Spitzen gegen den aktuellen US-Präsidenten und teilt ordentlich aus, etwa wenn er herrlich ironisch in Trump-Spreche auf die vollkommen „überbewertete“ dreifache Oscar-Preisträgerin Meryl Streep zu sprechen kommt, die es in ihrer Filmkarriere auf schlappe 20 Oscar-Nominierungen gebracht hat.

Als Streep sich daraufhin lachend von ihrem Sitz erhebt, erntet sie Standing Ovations. Ob Trump in diesem Moment zum ersten Mal der Daumen juckt, etwas in seinen Twitter-Account zu hacken, ist nicht bekannt.

Meryl Streep bekam Standing Ovations.
Meryl Streep bekam Standing Ovations. (Foto: Chris Pizzello/Invision/AP)

Aber der „America First“-Politiker dürfe nicht nur beschimpft werden, so Kimmel. Das Gute am neuen US-Präsidenten sei immerhin, dass – kaum ist er im Amt – endlich wieder farbige Filmschaffende unter den Oscar-Nominierten seien, nachdem im vergangenen Jahr keine afroamerikanischen Schauspieler nominiert worden waren. Ein wirklich „hübscher positiver Effekt“, so der Moderator.

Alte Fehler wettmachen

Tatsächlich aber scheint es ein bisschen so, als wolle die Akademie den Fehler der vergangenen Jahre, die schwarze Community weitestgehend unbeachtet zu lassen, nun auf Biegen und Brechen wettmachen.

Es ist erfreulich, dass gleich der erste Oscar in der Kategorie „bester Nebendarsteller“ an Mahershala Ali geht, der zweite als weibliches Pendant an Viola Davis oder dass die Präsidentin der Akademie in ihrer Rede betont, dass Kunst keine Grenze kenne und Filme die Sprache seien, die die ganze Welt versteht. Aber tatsächlich mutet das forcierte Pathos der großen Weltoffenheit an vielen Stellen verklemmt und unbeholfen, gar ein wenig erzwungen an. So im Sinne: Leute, jetzt lasst es uns richtig angehen, damit wir endlich Ruhe haben und man uns nicht nachsagen kann, das sei nur eine Veranstaltung für die Weißen.

„Meine Abwesenheit geschieht aus Respekt“

Keine Überraschung ist es in diesem Zusammenhang, dass der iranische „The Salesman“-Regisseur Asghar Farhadi, der aus Protest gegen die geforderten Einreisebeschränkungen von US-Präsident Trump nicht an der Veranstaltung teilnimmt, schließlich die begehrte Trophäe für den „besten fremdsprachigen Film“ gewinnt.

#merylsayshi - Moderator Jimmy Kimmel schickte Donald Trump via Twitter ironische Grüße von Meryl Streep.

#merylsayshi – Moderator Jimmy Kimmel schickte Donald Trump via Twitter ironische Grüße von Meryl Streep.(Foto: Chris Pizzello/Invision/AP)

„Meine Abwesenheit geschieht aus Respekt vor den Einwohnern meines Landes und den sechs anderen Ländern, denen durch den unmenschlichen Einreisestopp der USA Verachtung entgegengebracht wird. Wer die Welt in Kategorien von ‚Wir‘ und ‚Unsere Feinde‘ einteilt, schafft Angst“, lässt er von einer Vertretung verlesen.

Das Ganze hat irgendwie einen faden Beigeschmack, weil man sich nicht so richtig im Klaren darüber ist, ob einige der Trophäen im Zuge der aktuellen politischen Stimmung nur aus Solidarität verliehen werden. Denn letzten Endes sind die Oscars immer noch Filmpreise und keine Auszeichnungen für politische Aktivisten.

„Hey @realDonaldTrump u up?“

Doch so angriffslustig, wie man es von der 89. Oscarverleihung erwartet hat, ist sie lange nicht. Sie ist in Anbetracht der akut angespannten Lage, in der die USA in diesen Tagen wahrgenommen werden, sogar ziemlich zahm. Justin Timberlake sorgt mit seinem nominierten Eröffnungssong aus dem Animationsfilm „Trolls“, „Can’t Stop The Feeling!“, für einen der fluffigsten Auftakte in der Geschichte der Preisverleihung überhaupt.

Die Stars tanzen, singen, grooven sich ein: „Let me hear you, Hollywood!“, ruft Timberlake in den Saal und Kimmel fragt gleich mal auf Twitter, ob Donald Trump noch wach ist: „Hey @realDonaldTrump u up?“

Emotionaler Moment: Seth Rogen (l.), Michael J. Fox und der DeLorean auf der Bühne.

Emotionaler Moment: Seth Rogen (l.), Michael J. Fox und der DeLorean auf der Bühne.(Foto: Chris Pizzello/Invision/AP)

Bei der Gelegenheit hakt der Moderator auch gleich im Saal des Dolby Theatre nach, ob jemand von „CNN“ oder der „New York Times“ anwesend ist. Er twittert den Hashtag „#Merylsayshi“ – der große Lacher war da aber wie der sprichwörtliche Drops irgendwie schon gelutscht.

Die Stars erhalten ihre Preise, Leute liegen sich in den Armen, vergießen Tränen und danken ihren Liebsten. Für einen der emotionalsten Auftritte aber sorgt Michael J. Fox, der samt DeLorean-Kultauto und gemeinsam mit Knallcharge Seth Rogen den Oscar für den besten Filmschnitt präsentiert.

Während Rogen in Nike-Powerlaschen-Zukunftsboots rumblödelt, versprüht Fox noch immer denselben jugendlichen, niemals zu altern scheinenden Humor, und das, obwohl er inzwischen sichtlich von seiner Parkinson-Krankheit gezeichnet ist.

„Emma Stone sieht aus wie eine Crack-Hure“

Zum Kreischen aber sind die Hass-Tweets, die die Hollywood-Größen über sich selbst vorlesen und dabei jede Menge schwarzen Humor beweisen: So trägt „La La Land“-Akteurin Emma Stone etwa mit einem Lachen im Gesicht vor: „Emma Stone sieht aus wie eine Crack-Hure – und zwar in jeder Rolle, die sie spielt“.

Letzten Endes ist es aber der vermeintlich vertauschte Umschlag der Trophäe für den „besten Film“, der einem von dieser Verleihung noch lange in Erinnerung bleiben wird. Er hat sich schon jetzt einen Spitzenplatz in den Annalen der Oscar-Geschichte gesichert.

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