Gucken, was die Handschrift macht

Immer wehrt sie sich gegen die neuen Geräte, die kein bisschen neu sind. »Ich hab doch ein schönes schnurloses Telefon«, sagt sie, »wenn ich auf Balkonien eine quarze, kann ich das Ding auf’n Campingtisch legen! Es ist so schlank, dass ich es fast zwischen Aschenbecher und Blumentöpfen übersehe.«
»Mensch, lass mal skypen, facetimen«, sag ich dann, »das ist doch ganz einfach!«
Aber immer, wenn ich denke, gegen eine Wand zu rennen, weil sie sich so ein bisschen gegen »diese neumodischen Kinkerlitzchen« wehrt, brauche ich nur zum Briefkasten gehen. Da liegt dann eine Karte von ihr, manchmal ein Brief. Über meinen Namen schreibt sie »Frau«. Das F ist dabei immer sehr hübsch geschwungen, ich bin ganz fasziniert, wie meine Mutter diesen Buchstaben schreibt.
Sie erzählt, was sie so gemacht hat am Tag, dass es mittags Saure Eier gab oder Königsberger Klopse oder, dass sie schon wieder am Vorderrad Luft aufpumpen musste oder morgen bowlen gehen will – mit Heidi.
Es stört sie nie, dass die Karte zwei Tage bis zu mir braucht. »Wenn was Wichtiges ist, kann man ja immer sofort anrufen, »das ist doch super, und die Tinte vom Pelikan-Füller, die ist immer noch halb voll«, sagt sie. »Ich mag den alten Füller, den hatte ich schon 1969 und der ist viel besser als der olle Kuli, den es neulich umsonst im Postladen gab.«
Notiz an mich selber: Mutter anrufen. Brief oder Karte mit Füller schreiben. Gucken, was die Handschrift macht.
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